Psychotherapeutin Antonia Wenger legt einen umfangreichen Fragebogen vor, den DIVA, der als Goldstandard für die Erwachsenendiagnostik von ADHS gilt. Eine wiederkehrende Frage lautet: “Gelingt es Ihnen oft nicht, sich auf Details zu konzentrieren?” Antworten führen zurück in chaotische Kinderzimmer und unauffällige Schulzeiten. Wenger hört solche Geschichten täglich in ihrer Praxis an der Kornhausgasse in Basel. Frauen machen zunehmend einen Großteil der Wartenden aus, die oft Monate auf einen Termin warten. Psychiatrische Einrichtungen und spezialisierte Praxen berichten landesweit von ähnlichen Verzögerungen. Zwischen 2020 und 2024 haben sich in der Schweiz die ADHS-Medikamentenverordnungen nahezu verdoppelt, obwohl genaue Zahlen zu neuen Diagnosen fehlen. Frauen stellen eine wachsende Gruppe dar, die jedoch jahrzehntelang übersehen wurde. Viele finden den Weg zur Sprechstunde durch Social-Media-Videos auf Plattformen wie TikTok und Instagram, wo Symptome oft irreführend beschrieben werden. Eine Studie der Universität Oxford zeigt, dass solche Inhalte zu Fehldiagnosen führen können. Victoria Block von der UPK Basel betont, dass der Leidensdruck real ist: Acht von zehn Menschen erhalten bei einer Abklärung eine Diagnose. ADHS muss früh im Leben begonnen haben, was für viele Frauen schwierig zu belegen ist, da sie sich anpassten und nicht auffielen. Historisch galt ADHS als typische Jungenstörung, basierend auf Studien mit männlichen Probanden. Mädchen, die unauffälliger waren, fielen durch das Raster. Sie entwickelten oft andere Symptome wie Depressionen oder Burnout im Erwachsenenalter. Fachleute sprechen von “Masking”, bei dem sich Mädchen anpassen und ihre Hyperaktivität nach innen verlagern. Dies führt häufig zu weiteren psychiatrischen Störungen, insbesondere Depressionen bei Frauen. Die Diagnoseverzögerung beträgt durchschnittlich vier Jahre im Vergleich zu Männern. Diese Zeit kann eine negative Spirale aus Selbstzweifeln verstärken. Auch hormonelle Schwankungen beeinflussen ADHS-Symptome, besonders bei Frauen. Ana Buadze von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erklärt, dass viele Frauen zyklusabhängige Beschwerden erleben und einige Kliniken die Medikamentendosen entsprechend anpassen. Forschungslücken bestehen jedoch weiterhin. Eine Diagnose im späteren Leben kann therapeutischen Wert haben und das Verständnis für persönliche Herausforderungen fördern. Die wissenschaftlichen Leitlinien sind ausstehend, was die Notwendigkeit betont, spezialisiertes Wissen breiter zu verbreiten. Frauen mit Verdacht auf ADHS sollten sich an Fachleute wenden, da Selbstdiagnosen oft irreführend sein können. Wartezeiten sind lang, und Unterstützung kann auch durch Selbsthilfegruppen erfolgen.