Im Spätsommer des Jahres 2002 löste ein Alarm im Spital Einsiedeln eine besondere Situation aus: Eine Frau hatte das unscheinbare Fenster neben der Notfallstation geöffnet, um ihr Neugeborenes in einem Wärmebett abzulegen. Die Hebamme fand den wimmernden Säugling in einer Wolldecke eingeschlagen vor – es war der erste Fall seit Eröffnung des Babyfensters.
Dominik Müggler, Initiator des Projekts, erinnert sich an diesen Moment: “Ich habe mich gefreut wie bei der Geburt meines eigenen Kindes. Aber vor allem war ich erleichtert, dass das Babyfenster funktioniert.” Die Idee entstand nach einem Vorfall am Sihlsee, wo ein Anrufer die Polizei über einen toten Säugling informierte. Am Muttertag vor 25 Jahren wurde das erste Babyfenster durch die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind eingeweiht. Mittlerweile bieten acht Spitaleinrichtungen diese Möglichkeit an, insgesamt wurden bislang 31 Kinder abgegeben, wobei Anonymität der Mütter gewahrt bleibt.
Die Praxis rief politische Kritik hervor; das UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes sieht darin eine Verletzung des Rechts auf Kenntnis der Abstammung. Obwohl einige Parlamentarier und die UNO ein Verbot fordern, existiert kein entsprechendes Gesetz – die Babyfenster befinden sich in einer rechtlichen Grauzone.
Für Müggler ist das oberste Persönlichkeitsrecht eines Babys das Recht auf Leben, was durch die Fenster gesichert wird. Er erzählt von einer Mutter, die ihr ungewollt gezeugtes Kind ablegte und sich zwei Tage später meldete: “Sie wollte darüber sprechen und wissen, wie es ihrem Baby geht.” Nach intensiven Gesprächen entschied sie sich schließlich, das Kind zurückzunehmen. Dies ist einer von sechs Fällen, in denen Mütter ihre Entscheidung revidierten.
Das Hilfswerk sieht die Fenster als Lösungsangebot für Frauen in Not: “Diese Frauen wissen genau, dass sie nicht bereit sind, das Baby zu behalten.” Die SHMK betont, dass die Existenz der Babyfenster das Leben von Neugeborenen rettet. Seit ihrer Einführung ist die Zahl von tot aufgefundenen Säuglingen zurückgegangen.
Die Annahme, mehr Fenster würden zu mehr abgegebenen Kindern führen, wird diskutiert. Der Bundesrat erkannte 2016 an, dass Babyfenster eine Chance zum Leben bieten können und entschied sich gegen ein Verbot aufgrund möglicher negativer Konsequenzen: Mütter könnten ihre Kinder sonst heimlich aussetzen.
Radio SRF 1, «Morgengast», 8.5.2026, 7:17 Uhr