Ein gewaschener Pullover scheint sauber – zumindest rational betrachtet. Doch emotional kann er durch seine Geschichte belastet sein. Die Kolumne „Psychologie des Alltags“ beleuchtet das Phänomen des magischen Denkens.
Der Secondhand-Markt boomt; wir haben scheinbar keine Bedenken, Kleidung getragener Menschen zu tragen – vorausgesetzt, wir kennen die Vorbesitzer nicht. Doch was, wenn der begehrte Vintage-Pullover einst einem Serienmörder gehört hätte? Oder wenn elegante Lederhandschuhe einst Adolf Hitler wärmten?
Die meisten Menschen würden sich unwohl fühlen. Eine gründliche Reinigung scheint den Geist des Vorbesitzers nicht aus dem Material zu entfernen. Rational gesehen könnte selbst Hitlers Unterwäsche uns nichts anhaben. Doch instinktiv lehnen wir die Berührung ab – als sei das Gewand unwiderruflich kontaminiert.
Die Psychologie spricht hier von „magischem Denken“ – der Überzeugung, dass Dinge miteinander in Beziehung stehen, ohne rationalen Grund. Dieser Gedanke durchzieht unseren Alltag.
Weltweit fehlt oft der dreizehnte Stock in Hotels und die dreizehnte Sitzreihe in Flugzeugen – scheinbar logisch widersinnig, aber allgemein akzeptiert. In vielen Regionen scheitern Trinkwasserprojekte, weil Menschen rezykliertes Wasser („from toilet to tap“) ablehnen, obwohl es nach der Aufbereitung sauberer ist als Leitungswasser. Unbehagen, Angst oder Ekel dominieren. Selbst wenn unser Verstand widerspricht, möchte unser Gefühl lieber nicht darauf eingehen.
Paul Rozin, Psychologe an der University of Pennsylvania, erforscht seit den 1980ern die Rolle von Ekel und Kontaminationsempfinden im Denken. In einer 2023 veröffentlichten Studie fragte er amerikanische Erwachsene, wie viele Coronaviren in ihrer Lunge vorhanden sein müssten, um mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Die Mehrheit antwortete: ein Virus.
Daraufhin beschrieb er eine massiv erhöhte Hitzebehandlung, die jeden Erreger vernichten würde. Trotzdem spürten fast 90 % der Befragten Unbehagen – obwohl sie wussten, dass keine Gefahr mehr bestand.
Was Hitlers Kleidung und ein einzelnes Viruspartikel verbinden, ist die psychologische Tiefenstruktur: Ein Empfinden von Verschmutzung, Kontamination oder diffuser Bedrohung entsteht aufgrund unserer Vorstellung. Dies spielt auch in klinischen Bereichen wie Zwangsstörungen und Essstörungen eine Rolle – wo kein Wasser die innere Unreinheit wäscht.
Unser Ekelempfinden hat uns Jahrtausende vor echten Gefahren geschützt. Doch der Preis ist, dass wir bis heute nicht klar zwischen tatsächlicher Bedrohung und einem gewaschenen Cashmeremantel unterscheiden können. Wir durchschauen es – und ziehen dennoch die Kleidung eines Serienmörders trotzdem nicht an. Sicherheit geht vor.
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland; ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.