Fleur Jaeggy, die Autorin, war eine enge Freundin der Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973). Fast fünf Jahrzehnte nach Bachmanns Tod reflektiert Jaeggy in einem kurzen Werk über ihre letzten Momente mit ihr.
Bachmanns Tod am 17. Oktober 1973 bleibt bis heute umhüllt von Spekulationen: War es die Folge schwerer Verbrennungen, die sie sich selbst zugefügt hatte? Oder gab es weitere Hintergründe? Jaeggy, die aus persönlicher Verbundenheit an ihre Freundin zurückdenkt, gibt auf diese Fragen keine Antworten.
In ihrem Buch “Die letzten Tage von Ingeborg” dokumentiert Jaeggy in präziser Kürze drei Erinnerungen. Im August 1971 verbrachten sie und Bachmann gemeinsame ruhige Tage auf dem Land. Jaeggy beschreibt die Freundin als entspannt, die einfach der Arbeit entfliehen wollte und die Zeit mit Ruhepausen, abendlichen Gesprächen und gelegentlichen Besuchen genoss. Aus zeitlicher Distanz sind von dieser Zeit flüchtige Momente übriggeblieben.
Die “geflügelte Heiterkeit über Abgründen”, wie Jaeggy mit einem Zitat aus Bachmanns Gedicht diese Wochen umschreibt, wird im nächsten Erinnerungsabschnitt düster. Die um 14 Jahre jüngere Freundin träumt sich ein langes Leben an Bachmanns Seite – ein Schicksal, das ihr nicht vergönnt war.
Im dritten Teil ihres Buches berührt Jaeggy die schmerzhaften letzten Tage von Ingeborg Bachmann. “Die Ingeborg hat sich verbrannt”, wird Jaeggy am 1. Oktober 1973 schockiert mitgeteilt. Sie reist daraufhin sofort nach Rom, wo das Krankenbett in der Intensivstation schnell zu einem Konfliktherd wird. Schnelle Tagebucheinträge lassen durchblicken, wie sich Interessen gemischt haben, die keine Rücksicht auf Bachmanns Wünsche nahmen – selbst über ihren letzten Ruheort durfte sie nicht entscheiden: “Sie hätte gerne auf dem englischen Friedhof in Rom begraben werden wollen. Doch ihre Eltern wählten anders”, notiert Jaeggy nüchtern, und meint damit das provinzielle Klagenfurt.
Von all diesen Ereignissen bleiben Rätsel und diese knappen, verdichteten Erinnerungen. In den Zwischenräumen ihrer Zeilen lässt Jaeggy viel Raum für Stimmungen und Ahnungen – ein Ort, an dem die tiefe Freundschaft zwischen den beiden Frauen gut bewahrt bleibt.
*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.