Über das US-Nationalarchiv sind Millionen Datensätze zu ehemaligen Mitgliedern der NSDAP mit wenigen Klicks zugänglich. Was einst aufwendige Archivarbeit erforderte, ist nun bequem von zu Hause möglich und weckt großes Interesse, wirft jedoch auch Fragen auf. Historiker Ulrich Herbert beleuchtet diese neue Transparenz.
Der emeritierte Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Freiburg konzentriert sich zudem auf Migrations- und Holocaustforschung.
SRF News fragt nach dem Grund für das gestiegene Interesse: Ulrich Herbert erläutert, dass intensive Berichterstattungen durch deutsche Medien wie “Die Zeit” und “Der Spiegel” die Menschen dazu motiviert haben. Sie informierten darüber, wie man relativ einfach seine Familiengeschichte erforschen kann. Diese Akten waren bereits seit den 1970er-Jahren für Historiker zugänglich und später über das Bundesarchiv.
Warum erfolgte die Veröffentlichung in den USA? In den Vereinigten Staaten gibt es andere rechtliche Bestimmungen, was eine einfachere Veröffentlichung durch das Nationalarchiv ermöglichte. Eine enge Abstimmung mit dem deutschen Bundesarchiv ist wahrscheinlich, welches dies schon länger anstreben wollte, jedoch rechtlichen Einschränkungen unterlag.
Welchen Nutzen hat die Öffnung für das Bundesarchiv? Die gesetzliche Pflicht von Archiven besteht darin, Dokumente der Öffentlichkeit und Forschung zugänglich zu machen. Das Bundesarchiv verfolgt heutzutage eine offeneren und forschungsfreundlicheren Politik als früher.
Was bedeutet die neue Transparenz für Individuen? Viele Menschen sind daran interessiert, mehr über das Verhalten ihrer Großeltern oder Urgroßeltern im Zweiten Weltkrieg zu erfahren. Obwohl einige auf Hinweise zu Verbrechen hoffen – was mit diesen Akten jedoch schwierig ist, da SS-Akten fehlen – gibt es auch Missbrauchspotenzial.
Was sind aus der Sicht von Herbert die Hauptprobleme? Er betont, dass viele die Aussagekraft der Daten überschätzen. Ein frühes NSDAP-Mitglied könnte ein enger Parteianhänger gewesen sein, während spätere Mitglieder möglicherweise opportunistisch handelten. Weitere Recherchen sind für belastbare Schlussfolgerungen notwendig.
Könnte der neue Zugang den Umgang mit der NS-Vergangenheit ändern? Diese Möglichkeit besteht, insbesondere im deutschen Kontext, indem sie eine Lücke schließt zwischen dem Wissen über das NS-Regime und dem Schweigen älterer Generationen über ihre Vergangenheit.
Das Interview führte Silvan Zemp. Für Recherchen auf der Website des US-Nationalarchivs kann die Suchleiste auf der Startseite hilfreich sein, ähnlich einer Suchmaschine, jedoch komplizierter.
SRF 4 News, 22.04.2026, 06:29 Uhr; srf/harm;schn