Mit dem Bild “Man darf junge Ernten nicht verkauft sehen” kommentierten chinesische Analysten den geplanten Kauf des KI-Start-ups Manus durch Meta. Diese Metapher deutet darauf hin, dass frühzeitig veräußerte Ressourcen später einen höheren Wert erlangen könnten. Dieses Verständnis begründet das entschiedene Einschreiten der chinesischen Regierung in einer der hitzigsten Diskussionen im KI-Bereich der letzten Monate. Die Nationale Kommission für Entwicklung und Reform in Peking verkündete ein Verbot ausländischer Investitionen zur Übernahme des Manus-Projekts, wobei sie die betroffenen Parteien aufforderte, das Geschäft rückgängig zu machen. Kurz darauf bestätigte Meta den Rückzug vom im Dezember angekündigten Deal in Höhe von über zwei Milliarden US-Dollar. Die Entscheidung könnte weitreichende Folgen nach sich ziehen. Manus, ein Teil des Tech-Start-ups Butterfly Effect, zählt zu den vielversprechendsten KI-Anwendungen weltweit. Anders als klassische Chatbots handelt es sich um einen “autonomen Agenten”, der eigenständig komplexe Aufgaben wie Finanzanalysen, Berichte und Programmierarbeiten übernehmen kann. Der Name “Manus” (lateinisch für “Hand”) symbolisiert eine KI, die selbstständig für Nutzer handelt. Meta strebt seit Jahren danach, seine Position im Markt für künstliche Intelligenz zu stärken; der Erwerb von Manus sollte diesen Bestrebungen Vorschub leisten. Ende März wurden die Mitgründer von Manus, Xiao Hong und Ji Yichao, nach Peking vorgeladen. Ihnen wurde untersagt, China während der Geschäftsprüfung zu verlassen. Im Abschlussbericht der Behörden hieß es schließlich, dass es sich um einen “verschwörerischen Versuch” handele, “China einer fortgeschrittenen technologischen Basis im Bereich der künstlichen Intelligenz zu berauben”. Dieses Eingreifen erinnert an den Herbst 2020, als die chinesische Regierung in letzter Minute den Börsengang von Ant Group, dem Fintech-Arm von Alibaba, stoppte und eine umfassende Korrekturkampagne gegen die Tech-Industrie startete. Nun scheint China auch den KI-Sektor gezielt abzusichern – eine Schlüsselindustrie im geopolitischen Wettbewerb mit den USA. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte “Singapore Washing”: Die Praxis, bei der chinesische Start-ups ihren rechtlichen Sitz ins Ausland verlegen, um internationale Investitionen zu erleichtern. Diese Entwicklung sieht Peking zunehmend als Risiko an. Als “Singapore Washing” wird die Verlegung des rechtlichen Sitzes von chinesischen Start-ups nach Singapur bezeichnet, um einfacher Zugang zu internationalem Kapital zu erhalten. China befürchtet dabei den Verlust der Kontrolle über kritische Technologien. Tiktok hat seinen Hauptsitz ebenfalls in Singapur, gilt jedoch als ausgereifte Anwendung. Hier erlaubte China den Verkauf der US-Sparten, behielt aber die Kontrolle über den Algorithmus. Anders verhält es sich bei Manus: Die Technologie wird noch nicht als ausgereift betrachtet und ist strategisch besonders sensibel, was sie im Zentrum des Konflikts mit den USA positioniert. Nach der aufsehenerregenden Lancierung im Frühjahr 2025 verlegte Manus seinen rechtlichen Sitz von China nach Singapur. Die staatliche chinesische “Global Times” betont, dass nicht nur der formelle Unternehmenssitz entscheidend sei, sondern auch das Ausmaß technologischer, personeller und datenbezogener Verbindungen zu China sowie die Frage, ob ein Geschäft die industrielle Sicherheit gefährde. Mit dem Stopp des Deals sendet Peking eine klare Botschaft: In strategischen Bereichen wie der künstlichen Intelligenz ist Internationalisierung nur in Absprache mit der politischen Führung möglich. Laut Berichten bereitet China strengere Regeln vor, um US-Investitionen in Tech-Start-ups zu regulieren. Dies kann auch als Reaktion auf jüngste Vorwürfe aus Washington verstanden werden, wonach chinesische Firmen systematisch KI-Technologien stehlen würden. Der Fall Manus scheint die Tendenz hin zu einer Art technologischen Spaltung zwischen den beiden Mächten zu verstärken.