Ein Spaziergang durch verlassene Orte der Schweiz.
In einer Schlucht am Inn liegt ein vergessenes Juwel: Die Trinkhalle von Tarasp. Umgeben vom Rauschen des Flusses und bedroht von Steinschlag, steht sie als Zeugnis ehemaliger Pracht. In den 1870er Jahren erbaut, war sie Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft zum Genuss des mineralienreichsten Wassers Europas – die Quellen hießen Lucius und Emerita. Ein Kurorchester spielte hier einst auf, doch heute ist das Gelände verfallen und gesperrt.
Dennoch hat die Trinkhalle ihre Anziehungskraft nie vollständig eingebüßt. Die Bevölkerung von Scuol beschloss kürzlich, 3,7 Millionen Franken für ein Wiederbelebungsprojekt bereitzustellen. Eine Stiftung soll gegründet, der instabile Felshang gesichert und das Quellwasser wieder zugänglich gemacht werden. Weitere Millionen müssen durch Fundraising beschafft werden – insgesamt sind Investitionen von etwa 18 Millionen Franken nötig. Erst dann kann die Halle neu belebt werden.
Der Verein Pro Büvetta Tarasp und Projektleiter Architekt Christian Müller sehen eine Zukunft als Kompetenzzentrum für Wasser oder Gesundheitszentrum. Für Müller ist dies kein verlorener Ort, sondern ein vielversprechender. Die Trinkhalle verkörpert den Ursprung der touristischen Geschichte sowie die Wasserquellen.
Bücher wie Oliver Zwahlens „Lost & Dark Places“ in den Schweizer Alpen bezeichnen sie als wichtiges Bauwerk aus der Zeit der großen Bäder, das jedoch verfällt. Solche Lost Places sind oft eindrucksvolle Gebäude wie das Sanatorio del Gottardo oder das Hotel Belvédère im Furkapass.
Diese Orte erzählen von Utopien und visionären Projekten, die nie realisiert wurden. Urbexer, moderne Archäologen dieser verlorenen Orte, folgen dem Motto: „Nehmen Sie nichts mit, lassen Sie nichts da.“ Ihre Funde dokumentieren sie in Bildbänden, Internetartikeln und auf Instagram.
Zu den Lost Places zählen auch mythenumwobene Orte wie das Thermalbad in Lostorf oder das Hotel Val Sinestra. In Tarasp spüren einige immer noch eine besondere Energie in der Nähe der Trinkhalle.
Die Wiederbelebung verlorener Orte ist oft kompliziert und teuer, wie das Beispiel der Autobahnraststätte Walensee zeigt. Der Eigentümer fordert mehr als das Angebot des Bundesamts für Strassen. Obwohl die Zukunft ungewiss bleibt, wird an der Trinkhalle Tarasp gearbeitet, um sie von einem Lost Place in einen lebendigen Ort zu verwandeln.