Nach dem Flop der ARD mit ihrer Mozart-Serie gelingt es Opernregisseur Damiano Michieletto bei seinem Kinodebüt, eine überraschende Sicht auf den Komponisten der “Vier Jahreszeiten” zu bieten. Der italienische Regisseur ist momentan an mehreren Fronten aktiv: Er war im Februar kreativer Kopf hinter der fantasievollen Eröffnung der Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo, arbeitet aktuell am Bühnenbild für seine Neuinszenierung von Verdis “La Traviata” bei den Bregenzer Festspielen und erlebte gerade die Premiere seiner politisch aufgeladenen Inszenierung von Mozarts “Titus” in Zürich. Sein erster Film, gedreht im Herbst 2024 in Venedig und Rom unter dem Originaltitel “Primavera”, startet nun auch in den Schweizer Kinos als “Vivaldi und ich”.
Michielettos Kinodebüt ist nicht nur eine atmosphärische Romanverfilmung von Tiziano Scarpas 2008 erschienenem Werk “Stabat Mater”, sondern auch ein Erfolg für das Genre. Nach dem Fiasko der ARD mit ihrer “Mozart/Mozart”-Serie im Dezember schien man Filme über bedeutende Komponisten bereits als gefährdetes Genre anzusehen, geopfert an den zeitgeistigen Skeptizismus gegenüber Hochkultur. Michieletto beweist jedoch, dass es möglich ist, dem Geist der Zeit gerecht zu werden, ohne historische Fakten zu verzerren oder Kunst lediglich als Spektakel darzubieten.
Der deutsche Titel “Vivaldi und ich” bezieht sich auf eine erfundene weibliche Figur, die in Venedigs 18. Jahrhundert mit dem Barockkomponisten Antonio Vivaldi konfrontiert wird. Die junge Cecilia (Tecla Insolia) wächst am Ospedale della Pietà heran – ein Heim für Waisenmädchen, bekannt für sein Frauenorchester. Der Komponist fördert Cecilias Talent als Geigerin und ermutigt sie, die strengen gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit zu überschreiten, die armen Frauen nur zwischen arrangierten Ehen ohne künstlerische Möglichkeiten oder dem Leben im Kloster ließen. Inspiriert von Vivaldis Ausspruch “Die Musik nützt zu nichts, aber sie kann alles bewirken”, erlebt Cecilia das Musizieren als befreiend.
Der Konflikt entsteht, als der venezianische Macho Sanfermo (Stefano Accorsi) sich Cecilias Dienste gegen eine Spende für das Ospedale erkauft und ihr bei einer Entdeckung ihrer Unschuld das Handgelenk bricht. Vivaldi, bescheiden gespielt von Michele Riondino, bleibt passiv in dieser Tragödie – ein Künstler und Priester statt eines Helden, was den Film besonders macht.
Die Musik ist für andere die Kraft der Selbstfindung. Auch Cecilia findet ihren persönlichen Frühling – eine Pointe, die Michieletto als erfahrener Opernregisseur bis zum Schluss aufbewahrt, gekrönt von Vivaldis berühmtem “Primavera” aus den “Vier Jahreszeiten”. Ein Film, der sowohl sehens- als auch hörenswert ist.
Vivaldi und ich: im Kino (110 Minuten).