Leroy A. Ehrenreich, ein Bewunderer der Oper aus New York, hinterließ eine beeindruckende Sammlung von Mitschnitten nach seinem Tod im Jahr 2016. Über fünf Jahrzehnte hinweg dokumentierte er heimlich rund zehntausend Stunden an Live-Aufführungen – eine illegale Handlung, die jedoch ein unschätzbares Erbe für die Musikwissenschaft darstellt.
In einem Aussenmagazin der Hochschule der Künste Bern lagern diese Tonbänder in braunen Pappschachteln. Ehrenreich, der tagsüber als Ghostwriter an der Wall Street arbeitete und nachts die Oper besuchte, hinterließ eine Anweisung, dass 300 000 Dollar für die Aufbereitung seines musikalischen Gedächtnisses bereitgestellt werden sollten.
Thomas Gartmann von der Forschungsabteilung in Bern erinnert sich daran, wie das Interesse an Ehrenreichs Sammlung geweckt wurde: Ein Zufall verband einen Neffen seines Anwalts, der Klavier unterrichtet, mit einem Institut für Interpretationsgeschichte. Dieses versprach Einsichten in die Aufführungspraxis über fünf Jahrzehnte hinweg.
Trotz der Herausforderungen durch rechtliche Grauzonen und Urheberrechtsverletzungen – besonders bei neueren Stücken, deren Rechte von Künstlern und Komponisten geschützt sind – ist die Sammlung einzigartig. Sie enthält Aufnahmen von Aufführungen in New York City Opera bis hin zu internationalen Opernhäusern.
Die digitale Archivierung dieser Mitschnitte ist entscheidend, da Magnetbänder nicht ewig halten. Etwa fünf bis zehn Prozent der Sammlung wurden bereits digitalisiert. Martin Skamletz vom Institut für Interpretation zeigt, wie Ehrenreich mit verschiedenen Geräten aufnahm und seine Erinnerungen kompilierte.
Die Forschungsarbeit wird durch digitale Technologien unterstützt, die Aufnahmen automatisch in einzelne Tracks unterteilen können. Christoph Reuter von der Universität Wien betont die Wichtigkeit sauberer Daten für Audiosignalanalysen, bei denen Aspekte wie Tonhöhen oder Tempo erfasst werden.
Obwohl kommerzielle Nutzung ausgeschlossen ist und die rechtlichen Hürden hoch sind, bieten diese Aufnahmen wertvolle Einblicke in historische Aufführungspraktiken. Die Hochschule der Künste sucht noch Forscher für Doktorarbeiten zu rezeptionsgeschichtlichen Themen.
Die Sammlung Ehrenreichs ist nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch eine Herausforderung und Chance für die Musikwissenschaft.