Die Wirtschaft Venezuelas liegt am Boden. Washington setzt sich nun für den Wiederaufbau ein, doch die Herausforderungen sind enorm. Das Regime, das zuvor den Niedergang herbeigeführt hat, bleibt an der Macht.
Seit zehn Wochen ist es her, dass US-Militärs Nicolás Maduro als venezolanischen Präsidenten abgesetzt haben. Seither zeigt sich die Tiefe des Falls eines einst reichen Erdöllandes. Erstmals veröffentlichte Daten der Zentralbank offenbaren: Die Wirtschaftsleistung ist um 40 Prozent niedriger als zu Beginn von Hugo Chávez’ Ära vor 26 Jahren. Unter ihm und seinem Nachfolger Maduro stürzte das Land in eine beispiellose Krise.
Heute produziert Venezuela, mit fast 30 Millionen Einwohnern, kaum mehr Wirtschaftsleistung als die Region Zürich erbringt. Die Inflation ist weiterhin extrem hoch – momentan bei 650 Prozent pro Jahr. Dies stellt zwar eine Verbesserung gegenüber den 130.000 Prozent im Jahr 2018 dar, bleibt jedoch problematisch.
Der Verlust an Kaufkraft erscheint Europäern unvorstellbar: Mit einem monatlichen Mindestlohn von 130 Bolívares entspricht das etwa 30 US-Cent. Seit 2022 gab es keine Erhöhung mehr – auch die staatliche Rente bleibt niedrig.
Viele Rentner, ehemals Ingenieure oder Professoren, arbeiten nun als Taxifahrer oder Privatlehrer, um über die Runden zu kommen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit etwa 4000 Dollar pro Jahr auf dem Niveau der ärmsten Länder Lateinamerikas. Viele Venezolaner sind auf staatliche Unterstützung oder familiäre Hilfe angewiesen. Acht Millionen Menschen haben das Land bereits verlassen.
Trotz anhaltender Macht des Regimes herrscht seit Maduros Sturz eine neue Hoffnung: Die USA könnten Venezuelas Wirtschaft öffnen, Investitionen ankurbeln und die Isolation überwinden.
US-Minister reisen häufig nach Venezuela, um das Regime zu kontrollieren und wirtschaftliche Reformen anzustoßen. Trotz seiner Öl-, Gas- und Bodenschätze ist der Nutzen dieser Ressourcen gering – das Land musste zuletzt sogar Benzin importieren. Gold wird illegal gefördert und ausgeführt.
Die USA setzen auf ausländische Investitionen, um Stabilität zu schaffen und den Weg zur Demokratie zu ebnen. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez treibt daher die Privatisierung voran. Nach Jahren staatlicher Kontrolle soll die Wirtschaft wieder für private Investoren geöffnet werden.
Der Ölsektor zeigt diesen Kurswechsel deutlich: Das neue Ölgesetz wurde kurz nach Maduros Sturz verabschiedet, um Druck auf das Regime auszuüben und die Ölindustrie anzukurbeln. Experten erwarten einen Produktionsanstieg von einer Million auf bis zu zwei Millionen Fass pro Tag in fünf Jahren, so der Energieexperte Francisco Monaldi von der Rice University.
Der Neustart hat jedoch Grenzen: Die Ölproduktion lässt sich nicht einfach steigern, und US-Sanktionen erschweren Investitionen weiterhin. Dies zeigt ein Besuch bei einer führenden Expertin des Ölsektors in Caracas: Seit 2006 beschnitt das Regime den Einfluss privater Unternehmen – unter der Bedingung, dass PDVSA beteiligt war.
Einige Konzerne verweigerten sich und verklagten Venezuela. So hat ConocoPhillips eine Entschädigung von 8,5 Milliarden Dollar erhalten, die noch offen ist. Der Konzern fordert Klärung dieser Altlasten vor neuen Investitionen.
PDVSA selbst war jahrelang ein Selbstbedienungsladen für das Regime und seine Günstlinge. Anwälte prüfen, wie bestehende Vereinbarungen an das neue Ölgesetz angepasst werden können – ein Prozess, der mindestens sechs Monate dauern wird.
Dennoch könnten Venezuela kurzfristig mehr Öl produzieren, da einige internationale Konzerne Sonderlizenzen erhalten haben. Die Erlöse müssen in einen von den USA kontrollierten Fonds fließen, der sowohl zur Begleichung ausstehender Forderungen als auch für humanitäre Programme verwendet werden soll.
Für eine dauerhafte Steigerung der Ölproduktion ist jedoch eine funktionierende Stromversorgung entscheidend. Venezuela produziert heute 80 Milliarden Terawattstunden Strom pro Jahr – mehr als die Schweiz, aber mit dreimal so vielen Einwohnern und größerem Territorium.
Der wirtschaftliche Stillstand verhindert Blackouts, doch eine Wiederbelebung der Industrie könnte das Netz überlasten. Nizar Richani vom Unternehmens- und Managerverband Carabobo sagt: “Wir sind nicht vorbereitet auf ein plötzliches Wachstum.” Viele Ingenieure und Facharbeiter haben das Land verlassen.
Früher war die Gegend um Valencia ein industrieller Hotspot. Heute ist es fast stillgelegt, nur wenige Unternehmen wie Nestlé bleiben. Richani erklärt: “Die meisten unserer Ingenieure sind weg.” Venezuela gilt als drittkorruptestes Land der Welt.
Schweizer Unternehmen sehen positive Aussichten für den Ölsektor, während andere sich zurückgezogen haben. Die wirtschaftliche Eröffnung Venezuelas hängt auch von der Kontrolle durch die USA ab. Phil Klose von Rödl sieht Risiken im Falle eines politischen Wechsels in den USA und fragt: “Was passiert, wenn Trumps Engagement heruntergefahren werden muss?”