Für Zuwanderer und Geflüchtete, die nicht linke Ansichten vertreten, wird schnell unterstellt, sie seien gesteuert oder gekauft. Als ob wir nicht fähig wären, selbstständig zu denken.
Es überrascht viele, wenn jemand wie ich an traditionellen Veranstaltungen in Zürich teilnimmt oder sich kritisch mit der Identitätspolitik linker Kreise auseinandersetzt. “Warum lässt du dich instrumentalisieren?” ist eine häufige Reaktion.
Diese Frage, die eher ein Vorwurf als echtes Interesse signalisiert, erfordert dennoch Antwort. Der Vorwurf der Instrumentalisierung trifft Migranten wie mich immer wieder: Wer in der islamischen Welt liberale Werte vertritt oder religiöse Dogmen hinterfragt, wird beschuldigt, vom Westen beeinflusst zu sein.
Ob aus Casablanca oder Zürich kommend, das Ziel bleibt gleich: Andersdenkenden die Autorschaft ihrer Gedanken abzusprechen. Ein Konsistenzproblem liegt darin begründet, dass liberale Ansichten eines Migranten als fremd beeinflusst gelten, während linke Einstellungen als authentisch betrachtet werden. Die Erwartungshaltung an die Meinungen von Migranten ist bereits festgelegt: Sie sollen entweder konservativ oder reaktionär sein.
Die Zugehörigkeit zur linken Erzählung erfordert, sich in die Rolle des Betroffenen zu fügen. Ein Ausstieg wird als Verrat gesehen. Thomas Sowell beschreibt diesen Mechanismus: Eine Elite definiert das Denken bestimmter Gruppen; wer widerspricht, gilt als beeinflusst.
Der Vorwurf der Instrumentalisierung beruht auf einer deterministischen Logik, die politische Haltungen aus Herkunft oder Ethnie ableitet. Das bietet ein Werkzeug für den kulturellen Separatismus entlang ethnischer Linien – eine moderne Form des ständischen Denkens.
Ich sehe mich nicht als Migrant, da der Migrant in mir sterben musste, damit der Bürger entstehen konnte. Wer ankommt und bleibt, muss Abschied nehmen von der Identität des Fremden. Die Herkunft darf dabei zurücktreten – sie ist eine Prägung, kein Programm.
Wer mir heute das Etikett “Migrant” aufklebt, exhumiert eine Leiche. Dieser Akt ist kein individueller Sonderweg, sondern der Gründungsmoment moderner Gesellschaft: ein Projekt gegen die Determinierung durch Herkunft.
Die moderne bürgerliche Revolution hat den Zusammenhang zwischen Geburt und Status zerschnitten; Abstammung darf nicht mehr entscheiden. Historische Beispiele zeigen, dass volle Zugehörigkeit entsteht, wenn Herkunft nicht mehr der dominante Interpretationsrahmen ist.
Wer Einwanderern nahelegt, ihre Herkunft auszustellen, um sich selbst zu bleiben, kehrt diese Bewegung um. Linke Parteien und Bewegungen zwingen Migranten in die Rolle des Aushängeschilds für politische Ideale, während deren tatsächliche Bedürfnisse ignoriert werden.
So entsteht der ewige Migrant: als Status konserviert, lebendig gehalten – um zu wählen und zu legitimieren. Politisch nützlicher als der selbstständige Bürger, braucht er Anwälte für seine eigenen Anliegen. Dies ist die Umkehrung des Emanzipationsversprechens von 1789.
Deshalb fühle ich mich unter Linken fremd: Ihr Paternalismus und ihre “gut gemeinten Gesten” machen mich zum Fremden. Jedes Mal, wenn jemand meine Herkunft betont oder für mich spricht, erinnert es mich daran, dass ich nicht dazu gehöre.