Die internationale Aufmerksamkeit gilt dem Konflikt um die Strasse von Hormus, doch innerhalb Irans werden weiterhin Menschen hingerichtet – auch solche, die an den Januarprotesten teilnahmen. Unter ihnen ist die bekannte Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi, Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2023 und erneut inhaftiert seit Dezember.
Ihr Bruder Hamidreza Mohammadi, der im Exil lebt, berichtet aus Oslo, wo er seit elf Jahren ansässig ist. Er sieht sich als Fürsprecher seiner Schwester: Nach einem Herzinfarkt Ende März im Gefängnis habe sie mit stark schwankendem Blutdruck zu kämpfen, der potenziell Hirnschäden verursachen könne, so Hamidreza. Seit ihrer Aufnahme ins Spital hat ein Familienmitglied sie besuchen dürfen; sie sei auf 20 Kilo abgenommen und körperlich stark geschwächt.
Die Angst um ihr Leben ist groß, denn trotz der medizinischen Versorgung bleibt ihr Zustand bedrohlich. Eine Verlegung in ein besser ausgestattetes Spital wurde bisher verweigert – eine Absicht, die Hamidreza dem Regime zuschreibt und als Taktik erkennt, welche bereits im Iran-Irak Krieg der 1980er Jahre angewandt wurde. Damals seien unzählige Regimegegner getötet worden. Mohammadi befürchtet ähnliche Vorfälle heute, da die internationale Gemeinschaft mehr über Ölpreise als Menschenrechte im Iran besorgt ist.
Im vergangenen Jahr verzeichnete der Iran mit 1639 Hinrichtungen die höchste Zahl seit Jahrzehnten. Während den Januarprotesten wurden tausende Zivilisten getötet, und auch inmitten des Krieges gehen die Exekutionen weiter. Zwischen Mitte März und Ende April wurden laut Menschenrechtsgruppen mindestens 22 politische Gefangene hingerichtet.
Um zukünftige Proteste zu unterdrücken, würden bekannte Aktivisten wie Mohammadi exemplarisch eliminiert, so Hamidreza, und äußert seine Sorgen um das Leben seiner Schwester. Narges Mohammadi setzt sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte ein und kämpft gegen die Unterdrückung iranischer Frauen. Mehrfach wurde sie verhaftet und war laut Berichten Folter ausgesetzt.
2023 wurde ihr im Gefängnis der Friedensnobelpreis zugesprochen, den ihre Kinder in Oslo entgegennahmen. Nach einer kurzzeitigen Haftentlassung auf medizinischer Grundlage wurde sie Ende Dezember erneut festgenommen, nachdem sie bei einer Beisetzung eine Rede gehalten hatte.
Wie die Regierung mit ihr umgeht – so sagte Hamidreza Mohammadi – sei kaum vorstellbar, was mit weniger bekannten Aktivisten geschehe.