Trotz der vorherrschenden Kultur der Gewaltlosigkeit, die Gewalt als einfache Problemlösung und in ihrer Natur überflüssig erscheinen lässt, wird sie durch Recht legitimiert. Letztlich ist Gegengewalt oft die effektivste Gegenmaßnahme gegen Gewalt. Die Menschenrechte zielen darauf ab, Individuen vor Gewalt zu schützen. In der modernen Gesellschaft sind Mittel wie Macht, Geld und Recht notwendig, um komplexe Interaktionen ohne physische Gewalt zu ermöglichen – eine Voraussetzung für friedliche Konfliktlösungen. Der Staat ist der einzige Akteur in der modernen Welt, der sich auf Gewalt stützt. Sein Gewaltmonopol sichert die friedliche Kommunikation ab. Werte wie Nation und Heldentum haben im Westen an Bedeutung verloren; gewaltsame Heldenbilder sind heute lediglich im Unterhaltungsbereich relevant. Auch auf internationaler Ebene wird Gewalt rhetorisch geächtet, doch nach dem Kalten Krieg sollte der Weltfrieden durch wirtschaftliche Verflechtungen und Rechtsstaatlichkeit gesichert werden. Dennoch scheint die „archaische“ Gewalt zuzunehmen – entgegen den Modernisierungslogiken. Ein Grundpfeiler des Lebens ist unsere eigene Anfälligkeit für Schmerz und Bedrohungen, was Angst auslöst. Gewalt als Reaktion auf Angst ist eine natürliche Abwehrreaktion: Sie kann spontan entstehen oder sich gegen verbale Provokationen richten, die man nicht ignorieren oder verbal beantworten kann, wie Hannah Arendt anmerkt. Solche punktuellen Ausbrüche von Gewalt bleiben oft nicht isoliert. Das Prinzip der Reziprozität verlangt nach einem Ausgleich und führt zu „gerechter“ Gewalt, die jede eigene Gewalt rechtfertigt – wie im Fall des Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist. Menschen können potenzielle Gefahren voraussehen und präventiv dagegen vorgehen. Vorsorgende Gewalt wird oft als gerechte Abwehrhandlung betrachtet, obwohl sie von außen als Aggression erscheinen mag. Gewalt liegt nahe, wenn man seinen Willen nicht sprachlich durchsetzen kann. Sie verspricht eine schnelle und klare Entscheidung gegenüber langwierigen Diskussionen und kommuniziert das Ende der verbalen Auseinandersetzung. Die Anwendung von Gewalt führt zu einem Gefühl der Macht, was den „Willen zur Macht“ verstärken kann – ein Kerngedanke des klassischen politischen Realismus. Diese Macht kann bis hin zur expressiven oder autotelischen Gewalt steigen. Gewalt fasziniert als Anomalia und bietet eine Gegenidentität zu sozialer Ordnung, die Zwang bedeutet und Freiheitsverlangen weckt. Gewalttätige Gruppen nutzen Proteste für ihre Zwecke; es gibt immer Menschen, die den Kampf als Abenteuer betrachten. Obwohl viele Menschen Gewalt verabscheuen, ist die Faszination in fiktionaler Form oft vorhanden. Doch diese Sozialisation gilt nicht für Krisenzeiten oder Befehlssituationen – wie Studien von Stanley Milgram und das Stanford-Prison-Experiment zeigen. Gewalt findet immer eine Rechtfertigung, sei es als Abwehr, moralische Empörung, Interessendurchsetzung oder Machtstreben. Gegengewalt bleibt jedoch effektivste Gegenstrategie; ohne sie bleiben Rechtsappelle wirkungslos. Die Anwendung von Gewalt zwingt den Gegner zum Einsatz von Mitteln. Ohne ein Gewaltmonopol entstehen Gewaltspiralen, wie Clausewitz betont. Vorsorge gegen Gewaltanwendungen ist deshalb notwendig – Rüstung wird zur Normalität. International führen Konflikte zu Sicherheitsdilemmata und gegenseitigen Aufrüstungen. Asymmetrische Konflikte erfordern harte Entscheidungen bezüglich Zivilistenopfer und Methoden, die selbst terrorähnlich wirken können. Die Attraktivität von Gewalt und der Erfolg autoritärer Populisten weisen auf eine Überforderung durch die Komplexität der Welt hin. Philosoph Sigbert Gebert hat dies in seinem Buch „Summa philosophiae“ (2024) analysiert.