Der Ukraine-Krieg hat sich seit letztem Jahr stark gewandelt, mit einer festgefahrenen militärischen Lage für Russland und wirtschaftlichen sowie aussenpolitischen Rückschlägen. Unter diesen Umständen wird die Ukraine keinen Friedensvertrag akzeptieren, der ihre Kapitulation bedeutet.
Ein halbes Jahr zuvor schien Russland im Zermürbungskampf mit kontinuierlichen Geländegewinnen den Vorteil zu haben. Heute ist dies fraglich; möglicherweise arbeitet die Zeit gegen Russland, wie sich 2026 zeigt.
Auf mehreren Ebenen offenbaren sich russische Schwächen:
– Im Spätwinter sind russische Angriffe traditionell rückläufig gewesen, um im Frühling wieder zuzunehmen. Nach der Eroberung von Pokrowsk und Siwersk Ende 2025 wurde erwartet, dass Russland im Frühjahr den Rest des Donezker Gebiets angreift. Doch diese Offensive hat kaum begonnen.
– Trotz Videos russischer Angriffe verlagerte sich die Frontlinie in diesem Frühling nur wenig. Im Südosten zeigten ukrainische Kräfte Gegenangriffe, was Russlands geplante Einnahme von Kramatorsk und Slowjansk 2026 unwahrscheinlich macht.
Russland bleibt zwar personell und raketentechnisch überlegen, hat aber im Drohnensektor Schwierigkeiten. Während die Ukraine ihre Führungsposition bei Kurzstreckendrohnen beibehält, fehlten ihr bis 2025 Mittel für mittlere Reichweiten, wodurch russische Aufmarschgebiete geschützt blieben.
In den letzten Monaten hat sich dies geändert: Neue ukrainische Drohnen ermöglichen Angriffe auf russisches Hinterland. Die Analysegruppe Tochnyi verzeichnete 288 Luftangriffe im März – dreimal mehr als zuvor. Russlands Frühjahrsoffensive stockt, was auch an der Zerstörung von Flugabwehrsystemen durch ukrainische Drohnen liegt.
Russland hat seine Armee ausgebaut, doch seit fünf Monaten verliert es mehr Soldaten als es Rekruten gewinnt. Die Entschädigungszahlungen an Hinterbliebene steigen, was ein Indiz für eine Verschärfung des Personalproblems ist.
Die Ukraine leidet ebenfalls unter Personalmangel, setzt aber anders an: Weniger Infanterie und mehr Kamikazedrohnen werden eingesetzt, um Verluste zu minimieren. Die Hoffnung auf einen Kapitulationsfrieden durch Trumps Politik erfüllte sich für Russland nicht.
Die USA untergräbt Putin die Nato, aber Russlands internationale Unterstützung schwindet: Syrien, Armenien, Venezuela und nun Ungarn stehen nicht mehr an seiner Seite. In Afrika ist Moskaus Prestige nach dem Debakel in Mali gesunken.
Russland verfügt über Repressionsmittel, doch wächst der Unmut wegen Internetbeschränkungen und des Vorgehens gegen Telegram. Vertrauen in Putin sank von 78 auf 71 Prozent innerhalb zwei Monate.
Die Wirtschaftskrise erreicht nun auch die Rüstungsindustrie, während Erdölpreise Moskaus Einnahmen steigern. Ein Mangel an Flugabwehrmunition ist für die Ukraine besorgniserregend.
Krieg bringt Unberechenbarkeit; technologische Fortschritte können die Lage ändern. Trotzdem hat Russland derzeit keine glaubwürdige Strategie, um seine Kriegsziele zu erreichen.