Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges ist die Gewalt im Westjordanland stark angestiegen. Radikale israelische Siedler setzen sich durch Mord, Brandstiftung und Vertreibung gegen Palästinenser zur Wehr – und tun dies weitgehend ohne Konsequenzen zu fürchten. Die Regierung sieht darin ein Randphänomen, während der zuständige General der Armee es als „jüdischen Terrorismus“ bezeichnet.
An einem Apriltag im Westjordanland treibt eine Gruppe israelischer Siedler ihr Vieh in der Nähe des palästinensischen Dorfes al-Mughayyir umher. Plötzlich fallen Schüsse, die den 14-jährigen Palästinenser Aws al-Nasaan auf dem Schulhof und den 32-jährigen Marzuk Abu Naim töten. Weitere vier Palästinenser werden verletzt. Die genauen Umstände bleiben zunächst unklar. Später geben die israelischen Streitkräfte (IDF) an, dass Steine auf ein israelisches Fahrzeug geworfen worden seien. Der Schütze ist ein Reservist und Siedler der Region. Obwohl er suspendiert wird und seine Waffe eingezogen bleibt, erfolgt keine Verhaftung.
Diese Vorfälle sind nicht isoliert: Von Februar bis April wurden laut Uno-Angaben 13 Palästinenser durch radikale Siedler getötet, Hunderte verletzt und mehr als 600 aus ihren Dörfern vertrieben. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 zählte die Uno im Westjordanland nur 15 Todesopfer palästinensischer Zivilisten aufgrund von Aktionen durch Siedler.
Israelische Medien berichten fast täglich über neue Übergriffe, wie Sachbeschädigungen, Schlägereien und Diebstähle. Trotz der offenen Berichterstattung beschreibt die Regierung das Problem als Einzelfälle von Radikalen. Doch hochrangige Vertreter des Militärs und Geheimdienstes warnen nun öffentlich.
Avi Bluth, Kommandant der Streitkräfte im Westjordanland, bezeichnete die Übergriffe kürzlich als „jüdischen Terrorismus“ („Haaretz“). Er äußerte sich besorgt über die Gleichgültigkeit der palästinensischen Bevölkerung und warnte vor einer neuen Intifada. Bluth, selbst in einer Siedlung aufgewachsen, kritisiert die Regierungspolitik scharf: Die Strafen gegen Täter seien lächerlich gering.
Auch Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir steht im Fokus der Kritik. Bekannt für seine Unterstützung der Siedlerbewegung, plädiert er bei Übergriffen radikaler Siedler für weiche Handhabung, während er gegenüber Palästinensern harte Maßnahmen befürwortet.
Bluth steht selbst unter Kritik: Er gibt zu, dass die Armee unterschiedliche Massstäbe anlegt – bei palästinensischen Steinwürfen sei scharfe Munition gerechtfertigt; gegen jüdische Steinwerfer jedoch nicht. Trotzdem ist er überzeugt von der Wirksamkeit seiner Strategie: In drei Jahren wurden fast 1500 Terroristen getötet, so Bluth.
Auch Armeechef Eyal Zamir verurteilt die Gewaltwelle als „moralisch und ethisch inakzeptabel“ und warnt vor Gefahren für die staatliche Sicherheit. Vormalige Geheimdienstführer teilen diese Sichtweise: Der „jüdische Terrorismus“ stellt eine strategische Bedrohung dar und wird von der Regierung möglicherweise toleriert.
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reagiert auf die Vorwürfe ausweichend. In einem Interview mit Fox News sprach er von einer überspitzten Berichterstattung über „Teenager“ aus problematischen Verhältnissen, die Palästinenser belästigten. Er verspricht, der Gewalt ein Ende zu setzen.
Naftali Bennett, Hauptgegner Netanyahus bei den anstehenden Wahlen, fordert härtere Maßnahmen gegen Siedlergewalt und bezeichnet deren Handlungen als Versagen der Regierung. Bemerkenswert ist Bennetts Kurswechsel, da er früher die Siedlerbewegung unterstützte. Diese Entwicklung deutet auf eine wachsende Frustration innerhalb des konservativen Establishments in Israel hin.