Laut einer aktuellen Umfrage durch die Bertelsmann-Stiftung hat sich das Vertrauen der Europäer in die Vereinigten Staaten merklich verringert. Gleichzeitig streben sie nach mehr strategischer Unabhängigkeit, ohne ihre Bindungen zum Westen zu lockern. Die Studie zeigt, dass 73 Prozent der Befragten meinen, Europa solle unabhängiger agieren; vor zwei Jahren waren es nur 63 Prozent.
Diese Verschiebung von einem politischen Diskussionsthema hin zu einem gesellschaftlichen Bedürfnis wird auch durch den signifikanten Rückgang des Vertrauens in die USA unterstrichen. Während 58 Prozent der Europäer die USA als unzuverlässigen Partner sehen, hält sich nur noch ein Drittel an deren Status als wichtigster Verbündeter der EU – ein Einbruch von 51 auf 31 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Besonders in Deutschland (54 auf 31 Prozent) und den Niederlanden (50 auf 25 Prozent) ist dieser Rückgang auffällig.
Obwohl Spannungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump die transatlantischen Beziehungen belasten, deuten die Umfrageergebnisse auf eine tiefere Verschiebung hin, die über momentane Konflikte hinausgeht. Die Europäer suchen nach einem unabhängigeren Europa, ohne sich von den politischen und normativen Grundlagen des Westens zu lösen.
China profitiert nicht vom Vertrauensverlust in die USA; lediglich 9 Prozent der Teilnehmer sehen China als wichtigsten Partner. Gleichzeitig bewerten 61 Prozent Chinas globalen Einfluss negativ. Eine Mehrheit wäre bereit, wirtschaftliche Nachteile hinzunehmen, um von China unabhängiger zu werden: In Deutschland befürworten dies sogar 80 Prozent der Befragten.
Stattdessen gewinnen andere westliche Partner an Bedeutung. Ein Viertel sieht nun Großbritannien als wichtigsten Verbündeten – ein Anstieg im Vergleich zu 2024, als es nur halb so viele waren. Kanada verdoppelt seine Nennungen auf 13 Prozent. Die Europäer trennen sich emotional von Washington, nicht aber vom westlichen Bündnis.
Florian Kommer, Studienautor, spricht von einer “Entfremdung von den USA”, betont jedoch: “Das transatlantische Verhältnis ist tot – es lebe das transatlantische Verhältnis.” Dies zeigt sich auch in der Wahrnehmung der Nato. Fast zwei Drittel betrachten die Mitgliedschaft als Schutz vor Friedensbedrohungen, und eine Mehrheit unterstützt höhere Verteidigungsausgaben.
Diese Entwicklungen sind nicht mit einer Sehnsucht nach Neutralität oder Antiamerikanismus gleichzusetzen. Vielmehr strebt Europa danach, geopolitisch selbstständiger zu werden, ohne seine kulturellen und sicherheitspolitischen Verankerungen aufzugeben.
Die Ursachen dieser Verschiebung sind vielfältig: Seit Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus im Jahr 2025 haben Strafzölle gegen europäische Staaten sowie zweifelhafte amerikanische Nato-Garantien das Vertrauen in die transatlantische Ordnung geschwächt. Besonders auffällig ist der Rückgang des Vertrauens bei den 56- bis 69-Jährigen, die politisch stark vom Kalten Krieg und der amerikanischen Sicherheitsgarantie geprägt wurden.
Die Europäer reagieren nicht nur auf einzelne Entscheidungen Trumps, sondern auch auf strukturelle Unsicherheiten. Kommer spricht von einer “sehr starken Enttäuschung” in dieser Generation.
Ein weiterer Faktor ist der Verlust der amerikanischen Soft Power: Selbst die sozialisierte Generation zeigt Distanz, was darauf hinweist, dass nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Attraktivität des US-Modells schwindet.
Trotzdem bleibt die europäische Haltung nüchtern. 78 Prozent glauben weiterhin an die Kooperation in internationalen Beziehungen, mit einem Anstieg auf 86 Prozent in Deutschland. Während andere Weltregionen nationalistisch oder aggressiv reagieren, sucht Europa nach mehr strategischer Handlungsfähigkeit und Resilienz, ohne seine kooperative Grundhaltung zu verlieren.
Die Europäer streben nicht nach Neutralität, sondern nach mehr Eigenständigkeit in internationalen Bündnissen. 71 Prozent wünschen sich eine aktivere globale Rolle der EU. Diese Haltung ähnelt langjährigen französischen Positionen und könnte zum europäischen Mainstream werden.