Handelt es sich bei dem zweiteiligen Werk «Storm» um ein Musikvideo oder einen Kurzfilm? Die Anfangssequenzen deuten auf eine filmische Produktion hin. Das Setting ist dystopisch, der Ort ein Jungeninternat des Jahres 2034. Hauptfigur ist der Schulschläger Yung Lean, dargestellt vom schwedischen Rapper. Der Bully in «Storm» wird bei seinen gewalttätigen Handlungen und dubiosen Aktivitäten beobachtet: Er entwendet eine Mobilfunkantenne zum Rauchen des Metalls oder presst den Kopf eines Mitschülers ins Pissoir. Yung Leans neuer Track «Storm I» begleitet diese grotesken Szenen mit einem treibenden Sound, der seinen früheren Cloud-Rap-Stücken unähnlich ist. Cloud-Rap, eine Hip-Hop-Unterart aus den frühen 2010ern, entstammt dem Trap und Ambient-Musik. Der Stil wirkt atmosphärisch und «hazy», was seine Popularität im Internet und durch Meme-Kultur global vorantrieb. Yung Lean zählt zu seinen bekanntesten Vertretern; sein Song «Ginseng Strip 2002» ist ein Paradebeispiel für Cloud-Rap. Im ersten Teil von «Storm» wird eine hoffnungslose Jugend dargestellt, die sich in einem feindlichen System verloren fühlt. Der zweite Teil erklärt diese Verlorenheit mit der Zeile «We stay united through the storm», während Yung Lean direkt ins Bild blickt. Nun ist klar: Es handelt sich um ein Musikvideo. Die Choreographie, für die der französisch-belgische Choreograf Damien Jalet verantwortlich zeichnet, hat das Werk viral gemacht. Gener8ion unter Produzent Benoit Heitz (Surkin) und Regisseur Romain Gavras, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Thom Yorke und Marina Abramović, prägen das Projekt. Yung Lean, der 2013 mit «Ginseng Strip 2002» den Cloud-Rap-Prototyp darstellte, hat sich seitdem gewandelt. SRF-Musikredaktor John Bürgin beschreibt ihn als radikal authentisch: von einem problematischen Enfant terrible zu einer gefestigten Persönlichkeit. In «Storm» zeigt sich Yung Lean reifer mit Interessen wie Töpfern und Teetrinken. Er präsentiert sich selbstbewusst, indem er im ersten Teil als harter Bully auftritt und diesen Eindruck im zweiten Teil bricht. «Storm» fungiert sowohl als Musik-Kurzfilm als auch als Hymne – ein Statement über Authentizität in einer turbulenten Welt.