In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs drohte die Grenzstadt Chiasso von Wehrmachtssoldaten überrannt zu werden. Oberst Mario Martinoni, Kommandant des 32. Gebirgsinfanterieregiments der Schweizergarde, stoppte diesen gefährlichen Vorstoß und bewahrte so die Stadt vor einer Katastrophe. Seine Heldentat wird erst Jahrzehnte später gewürdigt.
Am Morgen des 28. April 1945, zehn Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, begibt sich der 49-jährige Tessiner Oberst Martinoni in ein mit Schweizer und weisser Fahne bestücktes Fahrzeug. Er lässt sich nach Como bringen, trotz dreihundert deutscher Soldaten am Stacheldrahtverhau zur Schweiz – Angehörige von Wehrmacht, SS und Kriegsmarine.
Martinoni hat eine heikle Mission: den drohenden Einfall der deutschen Truppen verhindern. Diese verzweifelten Soldaten wollen lieber in die Schweiz durchbrechen als von Amerikanern gefangen genommen und an Sowjets ausgeliefert zu werden. Martinonis 3.000 Mann starkes Regiment ist bereit, den Durchbruch zu stoppen – so lautet der Befehl des Bundesrates.
Martinoni besucht zunächst die zerstörten Strassen von Como, um sich beim Kommandanten der Amerikaner durchzusetzen. Im Hotel «Suisse Metropole», dem Hauptquartier des 13. amerikanischen Panzerregiments, trifft er auf Major Joseph McDivitt. Nach intensiven Verhandlungen verspricht McDivitt, die Deutschen nicht an die Sowjets auszuliefern, sondern sie in US-Lagern zu internieren. Begleitet vom Schweizer Konsul Franco Brenni überzeugen beide die Deutschen, sich zu ergeben.
Diese geschickte Rettungsaktion erhält unter dem Namen «Fatti di Chiasso» landesweite Beachtung und macht Martinoni zum Retter Chiassos. Doch schon am nächsten Tag wird sein Regiment durch ein anderes ersetzt, was Gerüchte über eine Bestrafung des Obersten aufkommen lässt.
Tatsächlich gab es einen mündlichen Auftrag von Bundesrat Karl Kobelt an General Henri Guisan, der Martinonis Handlungen genehmigte. Dennoch wird er nach Chiassos Rettung durch ein anderes Regiment ersetzt und nicht zum Kommandoposten zurückgelassen. Am 30. April wird er in die Klinik Sant’Agnese eingewiesen.
Gerüchte über Martinonis seelische Verfassung kursieren, aber der Oberst selbst beteuert seine Disziplin trotz seiner Phantasien gegenüber seinem Vorgesetzten. Der Bundesrat äußert sich nicht zu seiner Erkrankung.
Martinoni stirbt 1981 ohne offizielle Anerkennung. Erst 2010 wird in Chiasso eine Gedenktafel enthüllt, und der US-Major McDivitt wird Ehrenbürger. Auf Initiative von Politikern anerkennt der Bundesrat schließlich Martinonis Verdienste: «Der Bundesrat empfindet auch nach 65 Jahren Dankbarkeit für die Rettung von Stadt und Bevölkerung Chiassos durch Oberst Martinoni.»