Am 9. Mai erinnert Russland an den Triumph über Nazideutschland, mit einer ungewöhnlichen Feier auf dem Roten Platz: Dieses Jahr fällt die Militärparade aus. Der Grund sei laut Kreml die aktuelle «operative Lage». Eine ukrainische Attacke scheint befürchtet zu werden. Calum MacKenzie, Russland-Korrespondent von Radio SRF, analysiert die Situation.
MacKenzie hat in Bern, Zürich und Moskau Osteuropa-Studien absolviert.
In 64 der rund 80 regionalen Hauptstädte gibt es entweder stark eingeschränkte oder gar keine Militärparaden. Der Kreml verbindet dies mit ukrainischen Angriffen. Wladimir Putins Sprecher betonte, man wolle die Gefahr durch «terroristische Aktivität des Kiewer Regimes» minimieren.
Ob ein geplanter Angriff auf die Militärparade real ist, bleibt ungewiss. Doch die Ukraine verfügt über Marschflugkörper «Flamingo», die Ziele bis zu 1500 Kilometer entfernt treffen können – zuletzt traf eine solche eine Fabrik in Tscheboksary.
Frühere Feiern fanden ohne Panzer statt, da diese an der Front benötigt wurden. Heute sind sie verfügbar, doch wegen der Gefahr eines ukrainischen Angriffs fehlt die Kriegstechnik erneut – diesmal nicht nur durch Drohnen, sondern auch durch hochmoderne Raketen.
Die sinkenden Zustimmungswerte Putins in Umfragen deuten auf Unmut hin, verknüpft mit den strikten Interneteinschränkungen. Diese werden ebenfalls mit der Abwehr ukrainischer Angriffe gerechtfertigt. Die reduzierten Militärparaden könnten das Misstrauen weiter verstärken.
Putins Dilemma: einen imageschädigenden Angriff verhindern, ohne die Feierlichkeiten ganz abzusagen – beides könnte seine Popularität beeinträchtigen. In einer Phase schwacher Frontfortschritte und zunehmender Repressionen stellt der Feiertag eine Herausforderung dar.