Der Thurgau, der bevölkerungsreichste Schweizer Kanton ohne ein eigenes Frauenhaus, sieht sich mit einer zunehmenden Herausforderung konfrontiert. Rund 300.000 Einwohner müssen bei Bedarf auf Schutzangebote in anderen Kantonen zurückgreifen. Eine Leistungsvereinbarung mit dem Frauenhaus Winterthur soll diese Lücke schließen, doch nicht immer reicht dies aus, weshalb schutzbedürftige Personen in andere Kantone verteilt werden müssen.
Dieses System steht unter erheblichem Druck. Das Feministische Streikkollektiv Thurgau, das kürzlich vor dem Parlament demonstrierte, verweist auf Kritik des Kantons Zürich an der hohen Zahl von Betroffenen aus anderen Kantonen, die in zürcherischen Frauenhäusern untergebracht werden. Grossrätin Isabelle Wepfer von der Mitte/EVP-Fraktion beschreibt eine prekäre Situation: Schweizweit müssen Frauenhäuser etwa 25 Prozent aller Gesuche ablehnen, da keine Plätze mehr verfügbar sind. Auch das Frauenhaus in St. Gallen ist überlastet. Die Nachfrage steigt weiterhin an, während die Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen.
Im Jahr 2024 waren 25 thurgauische Frauen und 39 Kinder in einem Frauenhaus untergebracht. Für das Feministische Streikkollektiv reicht eine Leistungsvereinbarung nicht aus; stattdessen ist aktive Mitträgerschaft nötig.
Auch die praktischen Bedingungen einer möglichen Einrichtung im Thurgau sind fraglich: Wie kann ein Frauenhaus in diesem kleinräumigen Kanton anonym betrieben werden? Der Schutz hängt davon ab, dass dessen Standort geheim bleibt. Dieses Problem kennt auch der Kanton Schaffhausen, der seit 2013 kein eigenes Frauenhaus mehr hat. Regierungsrat Marcel Montanari erinnert sich an die Zeiten, als Taxifahrer den Standort kannten.
Blert Berisha von der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser betont jedoch, dass Größe allein nicht ausschlaggebend sei. Anonymität hänge stärker von professioneller Umsetzung ab: Vertrauliche Adressen, kontrollierter Zugang und Schutzmaßnahmen im Alltag seien entscheidend.
Im Thurgauer Grossen Rat hat sich eine breite Mehrheit für die Initiative eines eigenen Frauenhauses ausgesprochen. Parteien wie SP, Grüne, Mitte/EVP, GLP und FDP drängen auf Lösungen oder fordern eine Neubewertung der Situation durch die Regierung. Die SVP hingegen verweist in ihrer Argumentation auf Statistiken zu häuslicher Gewalt bei Ausländerinnen und Ausländern.
Die Demonstrierenden vor dem Thurgauer Kantonsparlament plädieren für eine Kooperation mit Schaffhausen und anderen Kantonen ohne eigenes Frauenhaus. Regierungsrätin Sonja Faller Graf verspricht, die Anliegen zu evaluieren und den Kontakt zum Kanton Schaffhausen zu suchen.