Die 61. Ausgabe der weltweit größten Kunstschau präsentiert ein bunt gemischtes Potpourri an künstlerischen Visionen und spektakulären Aktionen. Die Hauptausstellung setzt bewusst auch auf subtile Töne, bietet reichlich Entdeckungspotenzial für Kunstsinnige. Der Schweizer Beitrag hingegen widmet sich der Reflexion über die Emanzipation der Homosexualität.
Das Leben ist oft ungleich: Gerechtigkeit findet selten statt. Dies wird besonders an der Biennale von Venedig deutlich, dem renommiertesten Kunstereignis weltweit. Ein Spaziergang durch die Giardini della Biennale genügt, um dies zu erkennen.
In diesen Gärten versammeln sich 28 Länderpavillons, welche schon früh an der seit 1895 alle zwei Jahre stattfindenden Kunstschau teilnahmen. Hierzu zählen etwa Deutschland und Großbritannien (seit 1909), Frankreich und die Niederlande (1912), Russland (1914) sowie die USA (1930). Diese Pavillons sind ein Privilegierten-Paradies, während die globale Kunstwelt sich in den letzten Jahrzehnten über Venedig verteilt hat.
An der Eingangstür zu den Giardini protestierten am Vorbesichtigungstag Künstler aus Ländern wie Chakassien oder Inguschetien gegen ihre Russifizierung, ohne eigene Pavillons. Ihr Protest schlug sich im russischen Pavillon nieder, wo unter dem Titel “Der Baum hat seine Wurzeln im Himmel” Volksmusiker auftraten.
Die Farben der ukrainischen Flagge verschmückten den russischen Pavillon während der Vorbesichtigung. Aktivistinnen skandierten gegen Russlands Teilnahme. In unmittelbarer Nähe steht die Skulptur “Origami Deer” von Zhanna Kadirowa, ein aus dem Donbass geflüchtetes Symbol.
Der Ukraine-Pavillon dokumentiert die 6000 Kilometer lange Reise der Skulptur, die während der russischen Offensive in Sicherheit gebracht wurde. Diese symbolisiert das Versagen der territorialen Garantien von 1994, die im Budapester Memorandum festgehalten wurden.
Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wird auch in Venedigs Kunstgärten ausgetragen. Doch Präsident Pietrangelo Buttafuoco betont: “Dies ist ein Garten des Friedens, ein Ort zum Ausstellen und Diskutieren.”
Die diesjährige Biennale unter dem Titel “In Minor Keys” der verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh will sich in versöhnlichen Tönen Gehör verschaffen. Die Ausstellung ist zu ihrem Vermächtnis geworden, welches die Stimmen von Künstlerinnen hervorhebt.
Die Schau präsentiert zahlreiche schwarze weibliche Perspektiven und bietet Entdeckungen unbekannter Kunst an, insbesondere seit der Biennale das Thema Fremde aufgriff. Die verstorbene Seyni Camara steht programmatisch für die Ausstellung im Hauptpavillon.
Koyo Kouohs Schau zeigt unabhängige künstlerische Ökosysteme. Im Schweizer Pavillon wird mit “The Unfinished Business of Living Together” das Thema Homosexualität aus den 70er Jahren aufgegriffen, was heute fast antiquiert wirkt.
Die Ausstellung thematisiert außerhalb des Pavillons drängende Fragen der Gegenwart. So zeigt Ei Arakawa-Nash im japanischen Pavillon seine Babypuppen und regt eine Diskussion über Leihmutterschaft an.
Im dänischen Pavillon sorgt man sich um die sinkende Fruchtbarkeit von Männern; ein Video in einer Samenbank mit Pornodarstellerinnen verweist auf biologische und gesellschaftliche Krisen. Die Biennale, vom 9. Mai bis zum 22. November geöffnet, bietet einen faszinierenden Einblick in die Zukunft.