Drei Jahrzehnte sind seit den jugoslawischen Sezessionskriegen vergangen, doch die Narben in Köpfen und Körpern heilen nicht. Junge Autoren wie Maja Iskra nehmen sich des Chaos der Emotionen an. Ihre Wahl des Titels „Uppercut“ für ihr Debüt zeigt Mut: Die 1981 im Ex-Jugoslawien geborene, in Belgrad aufgewachsene und nun in Wien lebende Autorin vermeidet nicht den Begriff aus der Boxersprache. Ihre Protagonistin ist mit Selbstverteidigungstechniken bestens vertraut, eine Fähigkeit, die während des Jugoslawienkriegs nötig war, als Gewalt in Schulen und Familien an der Tagesordnung war.
Die Geschichte ihrer schlagkräftigen Heldin (die oft mit der Autorin selbst assoziiert wird) spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: Die Gegenwart in Wiener Nachtklubs und Belgrader Kneipen kontrastiert mit Flashbacks aus den neunziger Jahren. Der Fokus liegt auf einer zerrütteten Familie, wo der Vater trinkt und schlägt und die Mutter das Leiden still erduldet; in eine Schule und das gefährliche Belgrader Viertel Dorćol, wo Raufereien blutig enden können, aber auch langanhaltende Freundschaften entstehen.
In dieser Zeit versuchen Jugendliche cool zu wirken und sich über Musik auszutauschen, während im Hintergrund der Krieg wütet. Auf dem Höhepunkt der Nato-Bombardierung 1999 wird die Protagonistin von ihrem Vater vertrieben, was einen schmerzhaften Bruch darstellt, den sie bis heute nicht überwinden kann.
Beschädigt und scheinbar gefühllos versucht sie sich in Beziehungen, die scheitern. Einsamkeit und Trauer umgeben sie; der Gedanke an ein vertanes Leben prägt ihre Tage. Intensivere Momente erlebt sie mit dem Bosnier Faris, der von seinen Erlebnissen im belagerten Sarajevo berichtet, oder wenn sie nach Belgrad fliegt, um Freunden in Not beizustehen – doch diese Ablenkungen sind nur vorübergehend.
Stattdessen finden Trost und Kraft in Büchern: Schon als Kind fand die Protagonistin Halt in Comics und russischen Romanen. Sie zitiert Georges Bataille, Dostojewski und Hemingway sowie Songtexte von Leonard Cohen, David Bowie und Laurie Anderson, und sieht selbst Poetisches in „nihilistischen Orgien“.
Diese Sensibilität findet sich vor allem bei der Autorin wieder: Maja Iskras rauer Roman hat durchaus poetische Aspekte. Nicht nur in Freundschaften zeigt er eine besondere Wahrnehmung der Welt und Sprache. Präzise beschreibt sie Jugendmilieus mit ihrer typischen Kleidung, Zigarettenmarken, Parfum „Malizia Uomo“, Filmen, Bands und Songs, und findet originelle Metaphern für ihre Figuren.
So wird ein kleiner Betteljunge als „Neun Leben passend in etwas mehr als einen Meter Körpergrösse“ beschrieben. Eine Szene zeigt: „Der Fernseher befand sich so weit oben auf einem Regal, dass wir zu ihm hinaufblicken mussten, wie zu Mao Tse-tung.“
Iskra verwebt geschickt Zeitebenen und kulturelle Codes; sie kombiniert verschiedene Sprachregister in schnellem Tempo. Das Ergebnis ist ein dichter, suggestiver Text, der die Paradoxien eines vierzigjährigen Lebens lebendig darstellt. Er strahlt eine überraschende Vitalität aus und fasziniert als Werk einer Frau.
Man erhofft sich weitere Bücher dieser Autorin, die aus den Balkankonflikten zwar nicht unbeschadet, doch als kraftvolle Zeugin hervorgegangen ist.
Maja Iskra: Uppercut. Roman. Aus dem Serbischen von Mascha Dabić und Maja Iskra. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2026. 156 S., Fr. 34.90.