Gegenteil von Einzelgängern: Bullenhaie bevorzugen Schwimmgefährten ihres eigenen Geschlechts. Hunderte Tauchbeobachtungen vor der Fidschi-Insel Viti Levu widerlegen die Annahme, Haie seien Einsiedler. Auch unter Wasser suchen sie gezielt nach Gesellschaft.
Die Forscher Natasha Marosi und ihr Team dokumentierten das Sozialverhalten von Bullenhaien über mehrere Jahre hinweg, wie in der Fachzeitschrift «Animal Behaviour» berichtet wird. Die Daten offenbaren ein überraschend reichhaltiges und komplexes soziales Leben unter diesen Tieren.
Seit 2004 ist das Gebiet vor Viti Levu als Naturpark ausgewiesen, der später zum ersten Meeresnationalpark von Fidschi wurde. Im «Shark Reef Marine Reserve» herrscht ein reichhaltiges Nahrungsangebot, was acht Haiarten anzieht und täglich bis zu 45 Bullenhaie beheimatet, wie das Forscherteam feststellt.
Die Studie umfasste sechs Jahre Beobachtungen von 184 Exemplaren. Ein Sechstel war markiert, die übrigen wurden durch Narben oder Flossenform identifiziert. Bemerkenswerterweise waren 85 Prozent der Haie Weibchen.
Weibliche Bullenhaie bevorzugen ihre Artgenossinnen für Schwimmpartnerschaften. Männchen zeigen zwar seltener Besuche im Schutzgebiet, wenn sie jedoch anwesend sind, schwimmen sie mit verschiedenen Weibchen und pflegen ein größeres soziales Netz.
Ob Bullenhaie Haremsherrscher sind, bleibt offen. Die niedrige Anzahl männlicher Haie könnte auf Angst vor den dominanteren Weibchen hindeuten. Mutige Männchen könnten besonders starke Persönlichkeiten sein und ein umfangreicheres Netzwerk aufbauen.
Alter spielt bei der Partnerwahl eine Rolle: Erwachsene Tiere bilden das Rückgrat des sozialen Netzes. Jungtiere bleiben oft am Rand oder beobachten erwachsene Haie beim Jagen, bevor sie diese Aktionen imitieren.
Die Kriterien für die Wahl von Schwimmgefährten sind unklar. Ob es die Flossenform, Geschwindigkeit oder Verwandtschaft ist, bleibt offen. Auch bleibt fraglich, ob solche Partnerschaften jenseits des Nationalparks anhalten. Längere Beobachtungen mit Sendern könnten Klarheit bringen.
Forscher spekulieren, dass das Schutzgebiet optimale Bedingungen für soziale Kontakte bietet: ausreichend Nahrung und keine Gefahr durch Jäger erlauben regelmäßige Interaktionen. Das Reservat fungiert als Unterwasser-Social-Meeting-Punkt.
Soziales Verhalten ist nicht nur bei Bullenhaie beobachtet worden, sondern auch bei anderen Haiarten oder Rochen. Früher ging man davon aus, dass sich diese um reichhaltige Nahrungsquellen versammeln. Doch vielleicht sind es auch Orte für neue soziale Kontakte – ähnlich wie Menschen, die im Schwimmbad Freundschaften schließen.