Im Rahmen der Untersuchung des als “Barbershop-Fall” bekannten Vorfalls wurde das Thema Kinderprostitution aufgedeckt. Laut Ermittlungen haben sich sechs Minderjährige über mehr als ein Jahr in einem Betrieb ausgenutzt gefühlt. Insgesamt wurden acht Personen festgenommen, darunter die Geschäftsbetreiber und Kunden der minderjährigen Prostituierten.
Sarah (Name geändert), war damals 16 Jahre alt. Heute ist sie 18. Mit Erlaubnis der Richterin spricht sie im Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) über ihre Erlebnisse.
Die Altersspanne ihrer Kunden lag zwischen 20 und 60 Jahren. “Sie konnten erahnen, dass ich minderjährig war, aber man musste es auch wirklich wollen”, erklärt Sarah. Zu jener Zeit sah sich die Jugendliche nicht als Opfer an: “Ich dachte, erwachsen zu sein bedeutet, alles im Griff zu haben. Aber das hatte ich überhaupt nicht.” Heute erkennt sie ihre Ausnutzung.
Eve Dolon, ihre Anwältin und Beiständin, betont: “Man sieht sofort, dass es sich um ein Kind handelt.” Eine Strafuntersuchung läuft wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen gegen Entgelt, der Prozess ist für dieses Jahr geplant.
In Genf wurden rund fünfzig solcher Fälle dokumentiert, im Kanton Waadt sind es etwa vierzig. “Das sind nur die bekannten Fälle”, meint eine Genfer Inspektorin. Sie vermutet, dass die tatsächliche Zahl höher liegt.
Viele betroffene Mädchen stammen aus Heimen und leben in familiären, affektiven oder schulischen Krisen, was sie verwundbar macht. In Frankreich steigt das Phänomen stark an: Im Jahr 2024 haben laut dem Innenministerium 20’000 Minderjährige Sexarbeit betrieben – ein Anstieg um 140 Prozent seit 2016.
Ylona (Name geändert), heute 16 Jahre alt, begann mit 11 Jahren in Frankreich zu prostituieren. Ihr Einstieg fand im Heim statt: “Ein Mädchen schlug mir vor, Männer zu treffen”, erinnert sie sich.
“Dem ersten Kunden sagte ich, dass ich 11 sei und gezwungen wurde. Er entgegnete, das sei nicht sein Problem, denn er wäre der Kunde und ich die Arbeiterin”, so Ylona weiter.
Mit 14 Jahren registrierte sie sich auf einer Escort-Webseite. Die Abholung durch Kunden erfolgte vor dem Heim: “Die Erzieher sahen mich weggehen und öffneten mir das Tor”, erzählt Ylona.
Am 5. Februar trafen französische und schweizerische Vertreter im Bereich Recht, Polizei und Sozialarbeit in Annemasse zusammen. Sie einigten sich darauf, spezialisierte Heime für betroffene Jugendliche zu gründen, um die Gefahr weiterer Beteiligung junger Mädchen zu verhindern.
Sarah lebt derzeit in einer Erziehungseinrichtung in der Westschweiz. Sie absolviert eine Psychotherapie und wird bald eine Lehre beginnen: “Ich habe Albträume, aber ich gebe mein Bestes, um da rauszukommen.”