Der Gemeinderat von Berikon und die örtliche Schule ringen um eine angemessene Reaktion auf den gewaltsamen Tod einer fünfzehnjährigen Schülerin. Vor genau einem Jahr fanden zwei Mädchen in einem Wald der Aargauer Gemeinde Berikon, eines davon ermordet mit Messerstichen durch seine Freundin aus der Nachbargemeinde Rudolfstetten. Der Mord geschah am 11. Mai 2025, dem Muttertag, und löste landesweit Medienaufmerksamkeit aus, symbolisiert durch Bilder von Blumen und Teddybären auf einer nahegelegenen Wiese.
Heute erzählen die Betroffenen zum ersten Mal, welche Auswirkungen das Verbrechen im Dorf hatte. Die Jugendlichen besuchten die Kreisschule in Berikon. Am folgenden Tag stand Schulleiter Peter Kriemler frühmorgens mit Patrick Stangl, einem Gemeinderat und Schulvorstandsmitglied, vor Ort, um aufdringliche Journalisten abzuwehren. Sie informierten die Lehrer, da Nachrichten durch Snapchat bereits im Umlauf waren.
Die schockierende Nachricht verunsicherte viele Lehrkräfte; einige brachen unter dem Schock zusammen. Notfallteams und die Kantonspolizei eilten herbei, um auf mögliche Reaktionen der Jugendlichen vorbereitet zu sein. Dennoch blieb die Lage ruhig: Die Lehrer führten ihre Schüler nach draußen, wo sie in kleineren Gruppen spazieren gingen und Briefe schrieben.
Die Tat, bei der ein Kind das Leben eines anderen beendet, passt nicht zu bekannten Mustern. Sie traf eine ohnehin kritisierte Schule wegen innerer Gewaltprobleme sowie eine kleine Gemeinde, die von ehrenamtlichen Politikern geführt wird. Wie sie mit dieser Krise umgehen sollten, war unklar.
Obwohl Notfallkonzepte existierten, sagte Stangl, dass niemand Zeit zum Nachdenken habe in einem solchen Moment. Er übernahm die Kommunikation und zog Lehren aus ähnlichen Situationen anderer Gemeinden. Dennoch verbreiteten sich im Dorf Gerüchte: War Mobbing eine Rolle? Wieso hatte niemand es kommen sehen?
Im Juni organisierte die Schule einen Info-Abend, um Eltern zu beraten, wie sie mit ihren Kindern über den Mord sprechen könnten. Der Schulleiter Kriemler musste sich Vorwürfen stellen, die Schule sei schuld am Verbrechen. Trotz seiner Erfahrung fühlte er sich machtlos gegen solche Anschuldigungen.
Die Polizei durfte keine Details bekanntgeben, da das Mädchen unter 18 Jahre alt war und die Privatsphäre gemäß dem Jugendstrafrecht geschützt werden musste, wie Marianne Heer, ehemalige Richterin und Strafrechtsexpertin, erläuterte. Obwohl die Strafen mild ausfallen, können Schutzmaßnahmen für psychisch kranke Jugendliche verhängt werden.
Die Familie des Opfers sucht weiterhin Antworten, wie ein kürzlich auf Social Media geteiltes Gedicht zeigt: “Es gibt keinen Frieden ohne Wahrheit. Es gibt keine Heilung ohne Gerechtigkeit.” Die Schule kämpft mit dem Alltag zurückkehren; viele Lehrkräfte verließen ihre Stellen nach emotionaler Erschöpfung.
Der Schulvorstand stand vor einem Neuanfang, als Andreas Glarner, ein SVP-Nationalrat aus der benachbarten Gemeinde Oberwil-Lieli, zum Präsidenten gewählt wurde. Er kündigte an, für Ordnung und Disziplin zu sorgen.
Rahel Bachem, Psychologieprofessorin, betont die Bedeutung von Ritualen in der Trauerbewältigung, während Florian Stähli, neuer Schulleiter, einen Ausflug zum Jahrestag plant. Er will den Schülern helfen, nach vorne zu blicken und sich nicht mit unbeantworteten Fragen aufzuhalten.