Amazon wagt sich an einen der bedeutendsten Romane des magischen Realismus und überrascht mit einer farbenfrohen und emotionalen Serienadaption.
Neue Häuser beherbergen keine Geister. Sie werden von Menschen bewohnt, wie etwa Clara del Valle und Esteban Trueba, die kurz nach ihrer Hochzeit ein prachtvolles Palais beziehen. Dieses Schloss wird über Generationen das Schicksal der Truebas beeinflussen.
Fünfzig Jahre später kehrt Claras Enkelin Alba verwundet in den klassizistischen Bau zurück und spürt sogleich die Vergangenheit im verwitterten Gemäuer. Mit ihren Grossmutter Claras vergilbten Tagebüchern rekonstruiert sie eine Familiengeschichte, geprägt von Liebe, Tod, übernatürlichen Phänomenen, Gewalt und Mord.
Isabel Allendes 1982 erschienener Debütroman «Das Geisterhaus» zählt zu den Klassikern der Weltliteratur. Die chilenisch-amerikanische Autorin schrieb das Buch im Exil. Es zeichnet ein erschreckendes Bild ihrer Heimat von den frühen 1920er bis in die 1970er Jahre.
Der Roman ist für die lateinamerikanische Literatur ähnlich bedeutend wie «Hundert Jahre Einsamkeit» von Gabriel García Márquez. Nach dem Netflix-Hit der Serienverfilmung von Márqués Werk im Jahr 2024 folgt nun eine achtteilige Amazon-Adaption.
Die Serie ist ein kühnes Unterfangen, da sie auf die misslungene Hollywood-Verfilmung von 1993 mit Meryl Streep und Jeremy Irons folgt. Die Showrunnerinnen Francisca Alegría und Fernanda Urrejola haben sich für eine lateinamerikanische Besetzung und authentische Schauplätze entschieden, um der übersinnlichen Atmosphäre gerecht zu werden.
Der Spuk geht von Clara aus, die schon als Kind Klavier spielen und Gegenstände mit ihrer Intuition bewegen konnte. Sie kommuniziert auch mit den Toten, was ihr unter den Hausangestellten den Ruf einer Wahrsagerin einbrachte. Auch Alba besitzt diese Fähigkeit.
Im Roman und der Serie ist der magische Realismus selbstverständlicher Teil der Handlung und nicht gruselig, sondern beinahe gewöhnlich. Clara, ihre Tochter Blanca und Enkelin Alba bilden das generationsübergreifende Herz der Geschichte.
Die Serienmacherinnen halten sich enger als der Film an Allendes Erzählung und stärken die Perspektive der weiblichen Figuren, was den patriarchalen Terror noch brutaler zeigt. Vorsichtshalber wird in der zweiten Episode vor verstörenden Gewalt- und Missbrauchsszenen gewarnt.
Im Kontrast zur Tyrannei stehen die satten Farben und Bilder, die eine eher nostalgische Unterhaltung anstreben als Schockeffekte. Alegría und Urrejolas Gespür für Ausstattung und Dramatik ist reizvoll, aber nicht immer hilfreich.
Auch Allendes Buch hat gelegentlich kitschige Metaphern oder klischeehafte Figuren. Der Erfolg liegt möglicherweise darin, dass es sowohl Mystik als auch die Kraft der Wirklichkeit bietet. Die Saga endet mit dem Militärputsch von General Pinochet 1973, der den chilenischen Staatschef Salvador Allende stürzte, einen Cousin der Autorin.
Nach zunehmenden Drohungen verliess Allende ihre Heimat und begann in Venezuela eine neue Karriere als Schriftstellerin. Die Serie spiegelt die Brutalität des Patriarchen Esteban und die politischen Entwicklungen Chiles wider, auch wenn der Ort nicht explizit genannt wird.
Emotionen sind gewünscht und eingebaut. Clara sagt: «Wie glücklich man sich schätzen kann, so intensiv fühlen zu können», um ihre Tochter Blanca in ihrer Trauer zu trösten. «Das kann nicht jeder.»
«Das Geisterhaus»: 8 Folgen à rund 50 Minuten auf Amazon Prime.