Karl-Markus Gauss, ein renommierter Kenner osteuropäischer Kultur und Geschichte, präsentiert in seinem neuen Buch «Die Liebe kommt immer zu spät» wieder einmal seine tiefgründigen Einsichten. Seine Publikationsliste umfasst zahlreiche Werke über aussterbende Völker Europas, Roma-Slums in der Ostslowakei und verstreute Deutsche von Litauen bis zum Schwarzen Meer. Gauss, bekannt für seine präzisen Beobachtungen und Erzählkunst, folgt seiner Mission, Europas Ränder zu erkunden und historische Wunden aufzudecken.
In seinem neuesten Werk führt er Leser nach Slowenien, Sarajevo und auf Griechenlandfahrten durch verschiedene Länder. Seine Reisen sind keine touristischen Unternehmungen, sondern intensive Tiefenbohrungen zur Enthüllung von Vergessenem oder Verdrängtem. In Slowenien folgt er den Spuren zweier bemerkenswerter Frauen: der Anwältin und Autorin Ljuba Prenner (1906–1977) sowie der kranklichen Alma M. Karlin (1889–1950), die trotz gesundheitlicher Probleme acht Jahre alleine um die Welt reiste und eine bedeutende Reiseschriftstellerin wurde. Gauss erinnert an die Nachkriegszeit, als Kommunisten nach dem Partisanensieg über deutsche und italienische Besatzer gegen sogenannte innere Feinde vorgingen.
Ein besonders berührender Abschnitt ist seine tagebuchartige Reisebeschreibung nach Sarajevo im Mai 2023, die er mit Zitaten seines Freundes Dževad Karahasan verbindet, der zur selben Zeit in Graz starb. Gauss’ scharfer Blick zeigt sich sowohl in seinen topografischen als auch biografischen Betrachtungen. Er kommentiert weiße Grabsteine auf Reisen und erklärt: «Diese Gräber wurden nicht im Gefolge von Schlachten, sondern durch Massaker von regulären Truppen oder Paramilitärs gefüllt.»
Gangs bosniakischer Drogenhändler trugen zu ethnischen Säuberungen bei, während der Irrationalismus ethnischer Reinheit nach wie vor präsent ist. Das Dayton-Abkommen von 1995 endete den Krieg zwar, transformierte aber Bosnien und Herzegowina in eine Ethnokratie durch die Festlegung der Separierung von Ethnien und Religionen als Staatsprinzip.
In seinem dritten Essay beschäftigt sich Gauss mit der Vertreibung von Griechen. In Smyrna (heute Izmir) kostete Atatürks Eroberung mindestens 30,000 Opfer. Überlebende flohen nach Griechenland, während griechische Antifaschisten später in Österreich ermordet wurden. Ein Überlebender namens Gerasimos Garnelis wurde österreichischer Staatsbürger und erhielt ein «Stadtbegräbnis».
Gauss tauscht sich mit dem Autor Robert Streibel über die Verbrechen von SA und SS aus. In Berlin findet er ein Denkmal des griechischen Widerstandskämpfers Nikos Belojannis, der posthum zum Helden der Arbeiterbewegung wurde. Gauss’ Geschichten sind präzise und spannend erzählt, mit zahlreichen literarischen Exkursen, die Fakt und Fiktion sorgfältig trennen. Sein Motto könnte lauten: Aus Geschichte und Geschichten lernen.