Das Interesse an Herrscherdramen auf den Bühnen steigt erneut, und die Bayerische Staatsoper stellt dies mit dem Machtkampf zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. unter Beweis – dargestellt als moderne Fallstudie.
Kunst reagiert stets kreativ auf aktuelle Themen. Die Münchner Biennale für neues Musiktheater zeigt dies eindrucksvoll: hybride Mensch-Roboterfiguren und KI-generierte Bilder, die an den amtierenden US-Präsidenten erinnern, bevölkerten das Opernpublikum. In «R3SIST4NC3 B0D1EZ» des thailändischen Komponisten Piyawat Louilarpprasert werden diese digitalen Erscheinungen als verfremdete Zitate eingesetzt – eine Reflexion über die fließenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion.
Brett Deans Oper «Of One Blood», uraufgeführt in München, untersucht ebenfalls ein historisches Duell. Der australische Komponist, vormals Bratschist bei den Berliner Philharmonikern, erzählt die Geschichte des Konflikts zwischen der schottischen Königin und ihrer englischen Rivalin. Die beiden waren Blutsverwandte – Maria Stuart wurde durch ihre Tante zweiten Grades hingerichtet. Dieses Thema ist Teil eines Trends in Bühnenstücken zu königlichen Machtkämpfen, die an Komplexität kaum mehr zu überbieten scheinen.
Ursprünglich für 2023 geplant und unter dem Titel «Two Queens» konzipiert, musste die Uraufführung aufgrund von Deans Erkrankung verschoben werden. Dean wählt hier einen anderen Ansatz als frühere Opernkomponisten wie Gaetano Donizetti oder Thea Musgrave. Das Libretto seiner Frau Heather Betts basiert auf historischen Dokumenten, die zu einem Mix aus Historienkrimi und Psychogramm verdichtet wurden.
Claus Guths Regie schafft eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Eine moderne Bühne zeigt historische Objekte wie einen Tudor-Thron. In diesem Setting untersuchen stumme Arbeiter die Geschichte, um Wahrheit von Gerücht zu trennen – ein Thema, das auch Deans Musik widerspiegelt.
Ein markantes Element ist Mahan Esfahani am Cembalo, das tief in Elisabeths I. Psyche einführt und an eine Tradition reicht, die über Alfred Schnittke bis hin zu Dmitri Schostakowitsch zurückgeht. Dean integriert Musik aus der Tudor-Zeit mit modernen Klangcollagen, was den Chören eine beeindruckende Tiefe verleiht.
Guths klare Konzeption teilt die Bühne: Vera-Lotte Boecker verkörpert Maria Stuart gegenüber Johanni van Oostrum als Elisabeth. Die Westminster Abbey dient als Kulisse, wo sich das Schicksal der beiden Königinnen entfaltet und Einblicke in toxische Männlichkeitsmodelle bietet.
Trotz ihrer Einfachheit ist Deans Oper ein moderner Erfolg. Gleichzeitig zeigt die Biennale mit Werken wie jenem von Piyawat Louilarpprasert, dass auch experimentelle Formen Anklang finden. Doch steht das Festival vor Herausforderungen: Mit einem historischen Budget, das heute weit entfernt scheint, ist die Zukunft ungewiss – ein Kontrast zu seiner glorreichen Gründungszeit.
Ein Film von Holger Preusse und Philipp Quiring dokumentiert den kreativen Einfluss des früheren Komponisten Hans Werner Henze auf dieses einzigartige Festival.