Mit «Fausts Verdammnis» hat Hector Berlioz eine der mutigsten musikalischen Interpretationen von Goethes Werk geschaffen. Interessanterweise erfordert das Stück keine Inszenierung, und in den neuesten Aufführungen des Opernhauses Zürich fehlt diese auch wirklich. Der Dichter Goethe hatte sich einmal dahingehend geäußert: «Mozart hätte den ‹Faust› komponieren müssen», berichtete er Eckermann, um der Nachwelt sein Urteil zu übermitteln. Er verglich die Musik mit Mozarts «Don Giovanni». Allerdings war Mozart bereits vierzig Jahre tot, als Goethe diesen Vergleich formulierte.
Goethes musikalische Vorlieben scheinen eher rückblickend gewesen zu sein, was durch seine Schwierigkeiten mit Beethoven illustriert wird. Auch Franz Schuberts Lieder wie «Gretchen am Spinnrade» wurden erst nach Goethes Tod als Meisterwerke anerkannt. Einer der jungen Komponisten, die er überging, war Hector Berlioz, dessen «Huit scènes de ‹Faust›», gesendet 1829, von Goethe ignoriert wurden.
Berlioz, der nur ein Jahr später seine bahnbrechende “Symphonie fantastique” komponierte, erweiterte sein Werk 1846 zu einer der originellsten und mutigsten «Faust»-Adaptionen. Diese Adaption wird aktuell in Zürich mit drei Vorstellungen von «La Damnation de Faust» präsentiert.
Das Opernhaus zeigt Berlioz’ “Légende dramatique” konzertant, eine Darbietung, die bei anderen Bühnenwerken oft nur halbherzig funktioniert. Doch hier ist es angemessen: Das Werk lässt sich nicht in traditionelle Genres wie Oper oder Oratorium einordnen, sondern verbindet Elemente beider und noch mehr.
Der kanadische Dirigent Yves Abel führt das Opernhaus-Orchester mit einem Konzept an, das als Kino für die Ohren beschrieben werden kann. Natascha Ursuliak sorgt mit geschickter Regie und minimalen Requisiten für eine gewisse theatralische Präsenz. Die Solisten schaffen plastische Charaktere durch Gesang und subtile Gestik.
Der Tenor Saimir Pirgu verkörpert den Faust als leidenschaftlichen Draufgänger, der schnell mit dem Teufel paktiert. Der Mephisto von Stanislav Vorobyov demonstriert in seinem Rollendebüt eindrucksvoll die tödliche Ernsthaftigkeit des Spiels. Das Stück gipfelt im dramatischen Höllenritt.
Elīna Garanča stellt eine überzeugende Marguerite dar, weniger als Erlöserin denn als Opfer von Fausts Gier. Obwohl es bei Berlioz auch eine himmlische Verklärung gibt, wirkt dieses Jenseits so inszeniert, dass man den Eindruck hat, die Musik selbst glaubt nicht recht daran.
Weitere Aufführungen: 14. und 17. Mai, Opernhaus Zürich.