Mit 87 Jahren kehrt Volker Schlöndorff, der renommierte deutsche Regisseur, zum Filmfestival in Cannes zurück – fast fünfzig Jahre nach seiner Goldenen Palme für “Die Blechtrommel”. In einem Gespräch erläutert er seine Beweggründe, sich von Jenny Erpenbecks Roman “Heimsuchung” inspirieren zu lassen, und spricht über einen Filmprojekt, das ihn bis heute beschäftigt.
Gelassen und freundlich begrüßt Schlöndorff die Interviewer in der Babelsberger Postproduktionsfirma Rotor Film. Obwohl sein Zuhause nur einen kurzen Spaziergang entfernt am Potsdamer Griebnitzsee liegt, widmet er sich voll und ganz dem letzten Feinschliff seines neuen Films “Heimsuchung”, dessen Premiere in Cannes bevorsteht.
Für Schlöndorff, geboren 1939 in Wiesbaden, markiert der Auftritt eine Rückkehr an die Côte d’Azur. Sein erster Film “Der junge Törless” wurde vor sechzig Jahren im Wettbewerb des Festivals gezeigt. Die Goldene Palme gewann er 1979 für seine Adaption von Günter Grass’ Roman.
Die Präsentation von “Heimsuchung” in der Nebenreihe “Cannes Premières” stört ihn nicht, da Gilles Jacob, einstiger Filmfest-Präsident und Freund, ihm davon abgeraten hatte: “Du hast doch die Palme schon.”
Schlöndorffs Version von Erpenbecks Roman, der mittlerweile in deutschen Schulen gelesen wird, folgt einer fast hundertjährigen Geschichte deutscher Konflikte und Katastrophen um ein Waldgrundstück im brandenburgischen Raum. Im Gegensatz zum komplexen Roman ist die Filmadaption klarer und weniger verschachtelt.
Schlöndorffs Talent für Literaturverfilmungen bleibt unangetastet. Die Besetzung mit Lars Eidinger, Susanne Wolff, Martina Gedeck, Ulrich Matthes oder Detlef Buck war ihm ein Anliegen; sogar David Bennent ist erneut dabei. Seine Verbindung zu Erpenbeck reicht zurück bis zu einer Begegnung in den 1990er Jahren.
Trotz seines Status als Meister der Literaturverfilmungen bedrückt ihn die Adaption von “Michael Kohlhaas”, basierend auf Heinrich von Kleists Novelle. Er gesteht: “Es ist immer noch ein grossartiger Film, der in diesem Werk verborgen liegt.”
Schlöndorffs Interesse an “Heimsuchung” wurde durch das Thema deutscher Geschichte geweckt, das sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen zieht. Ein “magischer Moment” enthüllte ihm, dass der DDR-Teil autobiografisch sei und die Autorin ihren Verlust thematisiert.
Im Tonstudio in Babelsberg arbeitet er an Szenen mit Martina Gedeck als gealterter Schriftstellerin. Er betont den Einfluss von Besetzungen auf seinen Erfolg, wie bei der “Blechtrommel”. Nach dem Oscar für die “Blechtrommel” drehte er auch in Amerika und arbeitete mit Stars wie Dustin Hoffman.
Seine Karriere begann in Frankreich unter Regisseuren der Nouvelle Vague, doch amerikanische Filmkultur prägte ihn ebenso stark. Die deutsche Geschichte bleibt sein zentrales Thema.
Obwohl er sich keine weitere Palme erhofft, grübelt Schlöndorff über die Unterschiede zwischen Literatur und Kino nach: “Literatur ist ein Langzeitprojekt; Film dagegen wirkt wie Musik. Aber das Zusammenspiel von Bildern, Geschichten und Musik bleibt einzigartig. Film ist meine Leidenschaft.”