Seit eine Dekade setzt die ETH Zürich auf ehrenamtliche Helfer, um die Geschichte ihrer umfangreichen Fotografiesammlung zu rekonstruieren. Diese Freiwilligen entdecken in ihren Recherchen Details wie versteckte Vogelhäuschen und vergessene Nasenoperationen. Ein historisches Gruppenfoto aus dem Jahr 1913 zeigt elf Personen in einem Chemielabor der ETH Zürich, darunter ein damals noch unbekannter Albert Einstein. Während Einsteins Gesicht durch seine spätere Berühmtheit im Gedächtnis bleibt, sind die Namen der drei Frauen im Bild längst vergessen. Zu diesen zählen Eva Dina Bruins, Catherina Amelia Frankamp und Rebekka Aleida Biegel – Expertinnen in der Astrophysik, die Einsteins Theorien durch ihre Berechnungen unterstützten. Das Bildarchiv der ETH beherbergt etwa vier Millionen Aufnahmen, darunter Landschafts- und Porträtfotos sowie Postkarten. Viele dieser Bilder sind jedoch ohne klare Kontextinformationen. Um diese Lücke zu schließen, setzt die Hochschule seit zehn Jahren auf Crowdsourcing: Freiwillige analysieren die Bilder online, zoomen auf Details und recherchieren Hintergründe. Initiiert wurde das Konzept 2008 durch die Library of Congress. In Zürich startete man 2010 einen Pilotversuch, der seit 2016 im vollen Umfang läuft. In dieser Zeit haben Freiwillige mehr als 200.000 Bilder präziser verortet und dokumentiert. „Dank Digitalisierung können wir nun Schwarmintelligenz nutzen“, sagt Nicole Graf, Leiterin des ETH-Bildarchivs. Ein Beispiel für den Erfolg der Crowdsourcer ist das Entdecken eines Vogelhäuschens in einem Hintergrundfoto einer Fotoreportage zur Gotthardbahn im Jahr 1957. Dies führte zur Identifizierung des abgebildeten Bahnhofs als Bonstetten-Wettswil. Hobbydetektive wie Anton Heer, ein 75-jähriger ehemaliger Elektroingenieur und einer der aktivsten Crowdsourcer, tragen mit ihrer Leidenschaft wesentlich dazu bei. Heer kommentierte zuletzt über 60.000 Bilder in zehn Jahren und entdeckte Details wie das Vogelhäuschen der Gotthardbahn-Fotos. „Diese Detektivarbeit ist sauglatt!“, sagt er, motiviert durch seine Neugier und Wanderfreude. Trotz einer Dominanz männlicher Freiwilliger hofft Heer auf eine stärkere Diversität in den Themen der Bilder. So regte er an, mehr Fotos über Mode zu digitalisieren – ein Bereich, den er selbst nicht kennt, aber Frauen seiner Generation eventuell besser verstehen würden.