Das Verständnis vieler Menschen besagt, dass Emotionen durch physische Aktivität abgebaut werden müssen. Doch Forschungsergebnisse widerlegen diesen Glauben. Stattdessen sollten alternative Strategien in Betracht gezogen werden, um sich zu beruhigen. Dies zeigt die Kolumne «Psychologie des Alltags». Möbel zerschmettern auf Junggesellinnen-Abschieden oder laut schreien im Auto gelten oft als Methoden zur Wutbewältigung. Diese Ansätze, wie das Schwingen eines Vorschlaghammers in Rage-Rooms, basieren jedoch auf einem Missverständnis. Seit langem ist bekannt: Die körperliche Entladung von Wut verstärkt sie vielmehr. Der amerikanische Psychologe Brad Bushman veranschaulichte dies bereits 2002 durch einen Versuch mit provozierten Probanden, die in drei Gruppen eingeteilt wurden. Eine Gruppe schlug auf einen Boxsack ein und dachte dabei an den Provokateur, eine zweite konzentrierte sich währenddessen auf Fitnessgedanken, und die letzte tat nichts. Alle hatten danach Gelegenheit, dem Auslöser unangenehm laute Geräusche zuzumuten. Die aggressivsten Reaktionen zeigten jene, die wütend boxten, gefolgt von den Fitness-Boxern, während die Nichtstuer am ruhigsten blieben. Daraus folgerten die Forscher: Körperliche Entladung verstärkt die Wut anstatt sie zu mindern. Eine 2024 durchgeführte Metaanalyse unter Bushmans Leitung mit über 10 000 Teilnehmenden bestätigte diese Erkenntnis. Tiefes Atmen, Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung senken das körperliche Erregungsniveau und mindern die Wut. Auch bewusste Pausen können helfen. Aktivitäten wie Boxsacktraining oder laut Schreien erhöhen jedoch das Erregungsniveau und halten die Wut aufrecht, ähnlich wie Joggen im Vergleich zu Nichtstun schlechter abschneidet. Dies erklärt sich durch die Tatsache, dass Emotionen aus körperlicher Erregung und mentaler Interpretation bestehen. Wer beim Boxsack an einen ungerechten Vorgesetzten denkt, fördert sowohl körperliche als auch geistige Wutkomponenten. Ruhiges Atmen unterbricht die physische Spur der Emotion, während Meditation oder eine Pause das mentale Element schwächen. Dadurch verliert die Wut an Intensität. Das Motto «Lass es raus» ist somit kein guter Rat für diejenigen, die Ruhe finden möchten. Es geht nicht darum, Gefühle zu unterdrücken; Wut kann berechtigt und produktiv sein. Die Frage lautet vielmehr: Was soll mit der Wut geschehen? Wer sie bewahren möchte, um eine notwendige Auseinandersetzung vorzubereiten, kann sie durch Schreien oder Boxen verstärken. Wer sich jedoch beruhigen will, sollte andere Werkzeuge wählen als den Vorschlaghammer im Rage-Room. Vor dem Ausbruch im Auto oder Wald sollten wir uns daher überlegen, ob wir die Wut bewahren oder loslassen möchten – und das Loslassen geschieht eher in Stille. Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee fühlt sie sich nicht ganz sie selbst.