Der Kreml bevorzugt die Diskussion über «Freiheit» statt «Krieg» und ahndet öffentlich geäußerte Kritik streng. Diese Praxis wird im Westen zunehmend normalisiert.
Olga Komlewa, eine Journalistin aus Ufa, 1.400 Kilometer östlich von Moskau, kennt das Phänomen der «psychogenen Aphonie», also des Stimmverlustes aufgrund von Stress, nur zu gut. Nach solchen Episoden, in denen ihre Stimme für mehrere Stunden verstummte, setzte sie sich erneut kritisch mit der russischen Gesellschaft und Politik auseinander. Sie arbeitete für Rusnews, ein regierungskritisches Medienprojekt, das seine Inhalte vor allem über soziale Netzwerke verbreitet.
Im März 2024 geriet Komlewa ins Visier des russischen Regimes wegen der Anklagen der «Mitgliedschaft in einer extremistischen Organisation» und der «Verbreitung falscher Informationen über die russische Armee». Sie hatte sich jahrelang ehrenamtlich für Alexei Nawalnys Stiftung eingesetzt. Für ihre Aktivitäten erhielt sie eine zwölfjährige Haftstrafe, nachdem sie fast ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht und ihr Prozess hinter verschlossenen Türen stattgefunden hatte. Aus ihrer Gefängniszelle berichtete sie ihrem Ehemann von der anhaltenden Stimmlosigkeit.
Komlewas Fall symbolisiert die zunehmende Sprachlosigkeit in Russland, einem Land, dessen Realität seit dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 neu definiert wird. Wie kann man über den Krieg sprechen, wenn das Wort «Krieg» unter Strafe steht? Der Staat hat eine neue Semantik etabliert: Kriege sind nun «Befreiungen», und «Situationen» oder «Ereignisse» ersetzen Kampfhandlungen. Drohnen werden zu «Objekten», die es zu «neutralisieren» gilt.
Im Parlament feiern Regimetreue Russland als führend im Prothesenbau nach der «Spezialoperation». Der Staat ermutigt patriotische Handlungen, während Kinder in staatlichen Einrichtungen gezwungen werden, «liebevolle Spiele» zu spielen. Diese Praktiken fördern Hilflosigkeit und Resignation bei den Bürgern, die sich als politisch machtlos empfinden.
Die Menschen passen sich an («Prisposobilis») und flüchten in Gleichgültigkeit oder leere Floskeln wie «Wsjo budet choroscho», alles wird gut. Dennoch winden sie sich aus anspruchsvollen Gesprächen, um Probleme zu vermeiden.
Auch im Westen hat sich eine Gewöhnung an die russische Situation eingestellt, obwohl tägliche Bombardements und Repressionen in Russland dringende Berichterstattung erfordern würden. Ausländische Korrespondenten haben Schwierigkeiten, weiterhin in Russland zu arbeiten, da Akkreditierungen ständig neu beantragt werden müssen.
Zudem verschließt sich Russland zunehmend von außen und errichtet eine semantische Mauer aus Verachtung und Misstrauen. Die Europäer scheinen keine wirksamen Mittel gegen das Schweigen in Russland zu haben.