In einem Gespräch mit dem „Guardian“ hat der US-amerikanische DJ Moby den Briten aus The Kinks unbeholfene und unreife Lyrik vorgeworfen. Die Altrocker sind darüber wenig amüsiert.
Spotify kann überraschende Hörerlebnisse bieten: Eine Playlist zu öffnen, bedeutet auch, auf die Empfehlungen des Algorithmus angewiesen zu sein. So erging es dem DJ und Musikproduzenten Moby, der während eines Hördurchgangs von einem unangenehmen Gefühl heimgesucht wurde. Die Musik strömte fröhlich aus den Lautsprechern, bis er sich fragte: „Why does my heart feel so bad?“, in Anspielung auf seinen eigenen Titel.
Die Plattform hatte ihm ein Stück aus der britischen Rockgeschichte präsentiert: „Lola“ von The Kinks. Moby gab im Interview zu verstehen, dass er diesen Song nicht mehr hören möchte; er sei grob und transfeindlich. Obwohl er die älteren Werke der Band schätzt, empfindet er ihre Texte als unentwickelt – „unevolved“.
Früher hatte Moby bereits durch seine Sensibilität für soziale Themen auf sich aufmerksam gemacht, etwa indem er Eminem in den 2000er Jahren Missbrauch und Homophobie vorwarf. Der Rapper reagierte daraufhin in seinem Song „Without Me“ mit der Bemerkung, dass niemand Moby’s Techno-Musik schätzen würde.
Was genau stört Moby an dem Klassiker? In „Lola“ begegnet der Erzähler in einem Londoner Club einer Person, die ihn verführt und zum Tanz auffordert. Als er nach ihrem Namen fragt, antwortet sie mit einer männlichen Stimme: „with a brown dark voice“. Verwirrt stellt er fest, dass sie wie eine Frau läuft, aber wie ein Mann spricht – „why she walked like a woman but talked like a man“. Er zieht Parallelen zur chaotischen Welt, in der sich Geschlechterrollen verändern: „Girls will be boys and boys will be girls.“
„Lola“ ist kein offensichtliches Plädoyer für den Christopher Street Day, weist jedoch prophetische Züge auf und zeigt die Offenheit des Londoner Soho in den 70ern gegenüber Dragqueens und Crossdressern. Der Song verdeutlicht zudem, dass Queerness schon früh in der Rockmusik thematisiert wurde, wie etwa in Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ (1972).
Der Vorwurf der Transphobie erscheint daher übertrieben. Die Mitglieder von The Kinks selbst sehen dies ähnlich und empfinden es als unangebracht, dass ihnen ein älterer Amerikaner Vorträge halten möchte.
Dave Davies, Gitarrist der Band und Bruder des Bandleaders Ray Davies, widersprach Moby auf Twitter. Er bezeichnete die Vorwürfe als unbegründet und zitierte die Transgender-Künstlerin Jayne County, die „Lola“ als bahnbrechend für queere Themen pries. Zudem erwähnte er gegenüber dem Magazin „Rolling Stone“, dass er Moby’s Musik ohnehin nicht mag, aber dessen Engagement für Tiere respektiert.
„Lola“ war bereits früher umstritten: Einige Radiostationen – vor allem in Australien – hatten das Stück bei seiner Veröffentlichung als kontrovers betrachtet. Ray Davies ließ bewusst offen, ob Lola männlich oder weiblich ist. Die BBC lehnte die Ausstrahlung ab, weil der Song eine Erwähnung von „Coca-Cola“ enthielt, was sie als unzulässige Produktplatzierung ansah. Daraufhin brachten The Kinks eine Version mit dem harmloseren Begriff „Cherry-Cola“ heraus.