Der Konflikt in Libanon verschärft sich unter dem Einfluss der Spannungen mit Iran. Meret Michel, eine freie Journalistin aus Bern, die in Beirut lebte, musste das Land vor zwei Wochen aufgrund von Sicherheitsbedenken verlassen. Sie spricht über den Zorn gegenüber der Hisbollah, die Angst der Bevölkerung und eine tiefgreifende Hoffnungslosigkeit.
Meret Michel berichtet aus Beirut über arabische Länder mit einem Schwerpunkt auf Libanon, Syrien und dem Irak. Im Gespräch mit SRF News erklärte sie: “Beirut ist unsere Heimat und meine Tochter besucht dort die Schule. Dennoch war es eine vernünftige Entscheidung zu gehen. Am Tag unserer Abreise waren in ihrer Kindergartengruppe nur noch fünf Kinder übrig, was sehr beunruhigend ist.” Die Journalistin hätte gerne geblieben, um über die Ereignisse zu berichten, doch die aktuelle Unsicherheit machte dies unmöglich.
Die Wut auf die Hisbollah in Libanon sei weit verbreitet, da sie den Krieg provoziert hat. Laut Michel ist dieser Unmut nicht neu und verstärkte sich nach dem Beginn des Irankonflikts, als die Hisbollah Raketen auf Israel abfeuerte. Einige libanesische Bürger, insbesondere Christen, hegen den geheimen Wunsch, dass Israel seine Drohungen umsetzt und die Hisbollah auslöscht.
Die schiitischen Gemeinschaften sind besonders betroffen, da Israels Evakuierungsanweisungen sich auf Gebiete konzentrieren, in denen die Hisbollah stark ist. Die Schiiten fühlen sich kollektiv für das Handeln der Hisbollah verantwortlich gemacht und befürchten eine weitere Eskalation durch deren Verlagerung.
Paradoxerweise profitiert die Hisbollah von dem Konflikt, da sie erneut als Verteidiger gegen den israelischen Angriff gilt. Kritiker schweigen nun, was der Organisation neue Legitimität verleiht. Das Argument, dass nur die Hisbollah einen effektiven Widerstand leisten kann, gewinnt an Bedeutung.
Michel beschreibt die aktuelle Lage als noch verzweifelter als in früheren Konflikten, da es keinen diplomatischen Ausweg mehr gibt. Die Menschen sind erschöpft und haben keine Kraft mehr für das Geschehene. Zudem wird befürchtet, dass die zerstörte Infrastruktur nicht wie nach früheren Kriegen durch Saudi-Arabien, Katar oder westliche Staaten wiederaufgebaut werden kann.
Das Interview führte David Karasek im Tagesgespräch am 26. März 2026 um 13 Uhr.