Im Warschauer Verteidigungsministerium wird während des Besuchs von Bundesrat Martin Pfister die Schweizer Nationalhymne durch das fröhliche Lied der polnischen Hymne abgelöst. Nach seinem Aufenthalt in Finnland will Pfister nun Polens Perspektive auf die Bedrohungslage durch Russland verstehen und sucht nach Möglichkeiten zur engeren Zusammenarbeit.
Auf einer vier Tage währenden Reise konzentriert sich der VBS-Vorsteher darauf, wie Länder nahe Russland und der Ukraine ihre Sicherheit wahrnehmen und stärken. Nach einem Gespräch mit Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, dem polnischen Verteidigungsminister, wird klar: Die Bedrohung ist bereits akut. Kürzlich kam es in Litauen zum Absturz einer ukrainischen Drohne, die von russischer Seite umgeleitet worden sein soll, was den Kreml veranlasste, Anschuldigungen gegen Kiew zu erheben.
“Ohne russische Invasion gäbe es diese Zwischenfälle nicht”, betont Kosiniak-Kamysz in Warschau. Er unterstreicht die Rolle der Ukraine im Schutz Europas und damit auch der Schweizer Sicherheit, da ukrainische Truppen den russischen Vormarsch seit vier Jahren aufhalten.
Kosiniak-Kamysz macht deutlich, dass Russland direkt an Polens Grenze steht. Er weist darauf hin, dass sowohl Kaliningrad als auch ein mit Russland vereintes Weissrussland Risiken bergen, darunter GPS-Störungen und hybride Kriegsführung.
Bundesrat Pfister betont die gemeinsame Verteidigung liberaler Werte durch Polen und die Schweiz. Er hebt hervor, dass Polens Armee nicht nur für die EU, sondern auch für die Schweiz von Bedeutung sei, insbesondere durch die Aufnahme vieler Flüchtlinge aus der Ukraine.
Pfister sieht in der Zukunft enge Kooperationen zwischen der Schweiz und Polen im Bereich Drohnen- und Cyberkrieg. Aktuell beschränke sich die Zusammenarbeit auf die Ausbildung von Panzersoldaten in Thun, so Kosiniak-Kamysz.
Der polnische Minister zeigt Interesse am schweizerischen Milizsystem und der Verflechtung von Zivilgesellschaft mit dem Militär. Unter Premier Donald Tusk wird eine Erhöhung der Truppenstärke auf 500.000 Mann geplant, wobei Reservisten in ihren zivilen Berufen verbleiben sollen.
Pfister erwähnte gegenüber der NZZ auch das Interesse der Polen am schweizerischen Zivilschutzmodell und betonte den Wert persönlicher Kontakte zu seinen Amtskollegen Antti Häkkänen (Finnland) und Kosiniak-Kamysz.
Der Besuch endet mit einer Führung durch den Waffenplatz der Ersten Panzerbrigade in Wesola, einem Vorort von Warschau. Von dort sind es 180 Kilometer bis Weissrussland und 360 Kilometer im Nordosten bis zur russischen Exklave Kaliningrad.