Im Rahmen einer Diskussionsrunde auf dem NZZ Live Event vom 26. März analysierten drei Experten die aktuelle Rolle der Weltorganisation angesichts geopolitischer Herausforderungen, insbesondere vor dem Hintergrund des Iran-Konflikts. Die Uno, gegründet 1945 mit dem Ziel, den globalen Frieden zu sichern und „künftige Generationen vor Krieg zu bewahren“, wird heute als Zentrum internationaler Zusammenarbeit betrachtet. Doch ihre Position in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung steht zur Debatte.
Die Krise der Uno manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen: Großmächte drücken ihre Interessen durch und blockieren Entscheidungen im Sicherheitsrat mit Vetos, während Iran Führungsrollen in Menschenrechtsgremien übernimmt. Die Organisation ist zudem zu einem Schauplatz kultureller Auseinandersetzungen geworden, insbesondere zwischen dem Westen und dem globalen Süden, wobei Israel häufig Kritik ausgesetzt wird.
Die Diskussion wurde von Andreas Breitenstein moderiert und umfasste Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, Ursula Plassnik, ehemalige österreichische Aussenministerin, sowie Matthias Herdegen, Professor für Völkerrecht in Bonn. Im Eingangsreferat verglich Herdegen die Uno mit dem sich verkleinernden Riesen „Tur Tur“ aus der Kinderliteratur und kritisierte den Sicherheitsrat wegen seines Verlusts an Legitimität durch Russlands Kriegshandlungen gegen die Ukraine.
Herdegen betonte, dass das Uno-System von seinen völkerrechtlichen Grundwerten abweicht, wie am Beispiel Irans illustriert: Der UNO-Generalsekretär gratulierte den iranischen Führern nach Massenexekutionen und kritisierte gleichzeitig militärische Aktionen Israels. Trotz der Distanz zur Realität sei die Uno unverzichtbar, so Herdegen.
Die Experten waren uneins über die präventive Selbstverteidigung im Iran-Konflikt: Gujer und Herdegen betonten das Recht bedrohter Staaten auf Sicherheitsmaßnahmen gegen existentielle Bedrohungen, während Plassnik militärische Aktionen ohne Verhandlung mit Verbündeten kritisierte.
Im Kontext des Iran-Konflikts wurden auch Fragen der humanitären Intervention und Menschenrechtsschutz diskutiert. Herdegen erwähnte die westliche Bereitschaft zu Interventionen unter dem Eindruck historischer Traumata, während Plassnik auf die unterschiedlichen Perspektiven in der Weltgemeinschaft hinwies.
Gujer hob hervor, dass viele Uno-Unterorganisationen effektiv arbeiten, stellte aber Fragen zur angemessenen Rolle und Grenzen. Insbesondere warnte er vor den Implikationen des Migrationspakts in der Schweiz.
Zum Abschluss diskutierten die Teilnehmer mögliche Verschiebungen innerhalb der Uno und Reformperspektiven. Gujer verglich Uno-Reformen mit dem „Monster von Loch Ness“. Herdegen war optimistisch, dass solange staatliche Akteure ein Interesse an der Organisation haben, diese fortbesteht. Plassnik betonte die Notwendigkeit eines Bündnisses europäischer und anderer Staaten zur Verteidigung der ursprünglichen Vision der Uno.