Der neue Formel-1-Rennstall von Audi steht vor dem Grossen Preis von Japan unter Druck aufgrund einer hohen Ausfallquote und personeller Unsicherheiten. Mattia Binotto, der Formel-1-Projektleiter für Audi, erlebt in Suzuka einen scheinbaren Aufschwung – bedingt durch die Topografie des Fahrerlagers. Im Schweizer Hinwil jedoch ist Unruhe entstanden nach dem überraschenden Weggang von Teamchef Jonathan Wheatley vor einer Woche. Dieser Schritt, der möglicherweise mit einem Angebot von Aston Martin zusammenhängt, wirft Fragen bezüglich struktureller Probleme bei Audi auf.
Bereits in den Anfangsphasen des prestigeträchtigen Projekts gab es Konflikte unter den Führungspersonen. Der Konzernvertreter Oliver Hoffmann und der frühere Teamchef Andreas Seidl gerieten so aneinander, dass Audi-Vorstandschef Gernot Döllner beide ersetzte. Zur Sicherstellung der Handlungsfähigkeit holte man Mattia Binotto von Ferrari und anschließend den Red-Bull-Sportdirektor Wheatley.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Italiener und dem Briten funktionierte jedoch nur als Zweckgemeinschaft, was bei Alphatieren nicht ungewöhnlich ist. Nach Wheatleys sofortigem Weggang herrscht im Team Unruhe – ein ungünstiger Umstand angesichts der technischen Herausforderungen und Fehleranfälligkeit des R 26 in den ersten beiden Rennwochenenden. Mit nur 112 absolvierten von möglichen 228 Rennen liegt Audi auf dem drittletzten Platz der Zuverlässigkeitswertung.
Die Ursachen für die hohen Ausfallraten könnten hydraulischer Natur sein, während der Motor im Vergleich zu den Besten noch an Leistung mangelt. Der Aufbau einer neuen Rennstall-Organisation mit Hunderten neu integrierter Mitarbeiter erschwert die Situation zusätzlich. Binotto muss nun auch sportliche Verantwortung übernehmen und sich auf mehreren Standorten engagieren – Ingolstadt, Hinwil, Neuburg an der Donau und Silverstone.
Der Routinier Nico Hülkenberg erfuhr von Wheatleys Abgang eher zufällig. Er sieht das Team als oberste Priorität: «Jonathan hat ein persönliches Problem als Grund angeführt, und Probleme müssen gelöst werden. Wir haben einen Plan und klare Ziele.» Der Weggang könnte auch auf Unbehagen der Familie in der Wahlheimat zurückzuführen sein.
Audi darf bei ihrem ambitionierten Vorhaben bis 2030 keine Zeit verlieren, obwohl sie einen Anfänger-Bonus genießt. Binotto steht nun vor einer Doppelrolle, die er aus seinen Ferrari-Zeiten kennt. Die Frage ist, wie sich das Führungssystem in der unkonventionellen Formel-1-Landschaft bewähren wird. Wheatleys Abgang zu einem kritischen Zeitpunkt könnte weitere personelle Unruhen verursachen – abhängig davon, wie schnell und mit wem die Vakanz besetzt wird. Die Spekulationen nehmen Fahrt auf: Für Adrian Newey bei Aston Martin wäre Wheatleys Rückkehr eine Erlösung. Entscheidend werden dabei Geldfragen und Lawrence Strolls Machtbereich sein.