Die Fotografin Shirana Shahbazi verleiht der berühmtesten Kirche Zürichs ein neues Aussehen. Ihr Werk zeigt unter anderem Anwohner in Unterwasserumgebungen.
Für zwei Jahre erhält das Zürcher Grossmünster eine neue Fassade, die während dieser Zeit durch ein Kunstprojekt verziert wird. Das Baugerüst, das die Kirche umgibt und von der Turmspitze bis zum Boden reicht, wird in den kommenden Monaten zu einem farbenfrohen Kunstwerk. Dies ist Teil des Projekts «Kunst und Bau», bei dem Shahbazi bereits erste Entwürfe präsentierte. Vollständig eingekleidet wird die Kirche am 7. April sein.
Bei einer Pressekonferenz erläuterten die Künstlerin und Mitwirkende, wie sie bei der Gestaltung des Projekts «Grenzen gesprengt» hätten. Die überdimensionale Installation sei sowohl vielschichtig als auch vielstimmig, so Kuratorin Madeleine Schuppli. Die Collage beinhaltet historische Zürcher Bilder sowie Aufnahmen aus privaten Fotoalben, die Anwohner ansprechen sollen. Auch versuchte man, diverse Bevölkerungsgruppen ins Projekt einzubeziehen.
Unter den Bildern befinden sich Unterwasserfotografien von Menschen, die in der Nähe der Kirche leben oder arbeiten. Auch Mitarbeiter einer nahegelegenen Anwaltskanzlei wurden dabei abgelichtet. Shahbazi betonte: «Überzeugungsarbeit war nicht notwendig.» Mit öffentlichen Aufrufen wurde Interessierten die Teilnahme ermöglicht, und jene, die sich meldeten, waren sehr begeistert.
Shahbazi, eine der bekanntesten Schweizer Künstlerinnen, erhielt 2019 den Prix Meret Oppenheim als jüngste Preisträgerin. Sie realisiert regelmäßig Kunst im öffentlichen Raum, wie etwa ein Projekt an einer Berner Schule, das rassistisch taxierte Wandbilder ersetzte. Kürzlich gewann sie auch einen Wettbewerb für ein Projekt in der Nationalbibliothek.
Für die Gestaltung des Grossmünsters wurden sechs Kunstschaffende berücksichtigt; die Jury entschied sich einstimmig für Shahbazis Konzept. Sie wählte bewusst eine unübersichtliche Art, um die fragmentierte Sicht auf die Kirche widerzuspiegeln: «Man kann das Grossmünster nie ganz sehen – immer bleibt etwas verborgen.» Dies spiegele auch die «Haltlosigkeit in der heutigen politischen Welt», so Shahbazi.
Caroline Morand von der Fachstelle Kunstsammlung hob die lange Tradition der Kunstförderung im Kanton Zürich hervor. Die Projekte der Sammlung seien identitätsstiftend und an verschiedenen Orten zugänglich, finanziert durch breite kantonale Unterstützung.
Die Sanierung des Münsters kostet den Kanton 10 Millionen Franken, wovon 300 000 Franken für die Kunstinstallation verwendet werden.
Es ist nicht das erste Mal, dass moderne Kunst an der Fassade erscheint; vor zwei Jahren wurden dort Projekte verschiedener Künstler gezeigt. Pfarrer Martin Rüsch betonte: «Die Kirchengeschichte verbindet sich mit der Kunstgeschichte.» Auch Shahbazi will mit ihrer Installation eine soziale Verbindung zwischen Menschen schaffen, die ihre moralische Haltung teilen.
Shahbazi, 1974 im Iran geboren und unreligiös, kritisiert politische Religiosität, sieht aber dennoch die Möglichkeit, durch ihr Projekt am Grossmünster eine Brücke zu bauen.