Beziehungen sind oft komplizierter als gedacht, denn sobald die Anfangsromantik vorbei ist, beginnen ständige Aushandlungen. Ob es um den Urlaubsort oder das zweite Stück Kuchen geht – Verhandeln wird zum Alltag. Doch was genau bedeutet es eigentlich zu verhandeln? Roland Reichenbach, ein Experte in Erziehungswissenschaften mit über 35 Jahren Erfahrung im Bereich der Verhandlungskurse, sieht darin mehr als eine reine Durchsetzungstechnik: Es ist die Kunst, die Welt differenzierter wahrzunehmen.
Verhandeln geht es nicht um Recht und Unrecht; es geht um das Erkennen von Interessen, Machtverhältnissen und den Auswirkungen einer Einigung auf langfristige Beziehungen. Dieses Verständnis verschiebt den Fokus vom Positionieren hin zum Ausbalancieren von Bedürfnissen.
Der Ansatz widerspricht oft der Intuition. Statt Argumente zu schmieden, um das Gegenüber zu überzeugen, empfiehlt Reichenbach die Interessen auszugleichen. Ein Beispiel: Ein Kind, das abends nicht ins Bett will, lässt sich selten von Gründen überzeugen; seine Bedürfnisse müssen anders adressiert werden.
Die Mediatorin Franziska Feller begegnet diesen Herausforderungen täglich in verschiedenen Kontexten – sei es bei Familienstreitigkeiten oder strafrechtlichen Auseinandersetzungen. Die Lösungsvorstellungen der Beteiligten müssen als fair wahrgenommen werden, doch was fair ist, bleibt subjektiv.
In Trennungssituationen offenbaren sich oft versteckte Interessen hinter scheinbar banalen Streitpunkten – wie das Bedürfnis nach Nähe oder finanzielle Notwendigkeiten. Die Mediation zielt darauf ab, solche verborgenen Anliegen zu erkennen und den Diskurs in einen konstruktiveren Rahmen zu bringen.
Reichenbach betont die Wichtigkeit einer Machtanalyse: Verfügt man über Alternativen oder ist man auf eine Einigung angewiesen? Die Fähigkeit, Nein sagen zu können, beeinflusst das Verhandlungsverhalten entscheidend. In wiederkehrenden Beziehungen wächst die Bereitschaft zum Kompromiss.
Gut verhandeln bedeutet nicht zwangsläufig zu gewinnen; oft ist es ein Zeichen gelungener Verhandlung, wenn beide Seiten Zugeständnisse machen und dennoch respektvoll bleiben. Ein komplexeres Interessenverständnis kann langfristig tragfähige Lösungen hervorbringen.
Radio SRF 1, Persönlich, 22.03.2026, 10:03 Uhr.