Im Frühling sinkt der Pegel des Greyerzersees im Kanton Freiburg und macht die Insel Ogoz, normalerweise nur per Boot zu erreichen, fußläufig zugänglich. Eine schmale Kiezunge bietet eine kurze Fußgängerbrücke zur sonst isolierten Insel.
Diesen seltenen Moment nutzen auch Hochzeitspaare: Im März haben mehrere Paare die Möglichkeit genutzt, um sich ein Bild der Lage zu machen und als potenzielle Kulisse für ihre Sommer-Hochzeit zu prüfen. Zur Hochzeit selbst wird jedoch wieder das Boot nötig sein.
Nach einer jüngsten Sperrung ist die Insel nun öffentlich zugänglich – allerdings nur zeitlich begrenzt. Der Pegel steigt voraussichtlich bis Mitte Mai so weit an, dass der Zugang zu Fuß nicht mehr möglich sein wird.
Die Insel Ogoz entstand 1948 mit dem Bau des Rossens-Staudamms. Seitdem ragen ihre markanten Türme und eine Kapelle aus dem 13. Jahrhundert über den See hinaus, normalerweise umgeben von Wasser.
Das gezielte Absenken des Seespiegels im Frühling ist kein Zufall: Im Winter nutzt das Energieunternehmen Groupe E viel Wasser zur Stromproduktion und schafft im Frühjahr Platz für die Schneeschmelze, indem der Stausee abgesenkt wird. Der Pegel kann um bis zu neun Meter sinken, wodurch die Kiezunge sichtbar wird und den Fußweg ermöglicht.
Die temporäre Sperrung war notwendig aufgrund von Bauarbeiten, bei denen bestehende Uferschutzverbauungen instand gesetzt wurden. Das Freiburger Energieunternehmen Groupe E, der Eigentümer des Sees, hat diese Maßnahmen ergriffen.
Die Verbauung ist notwendig, da die Kiezunge stark beansprucht wird: An Spitzentagen nutzen bis zu 600 Personen den schmalen Zugang. Ohne Stabilisierung würde der Kies ins Wasser abrutschen. Die Holzverbauungen halten das Material zurück und schützen zusätzlich das Ufer, besonders vor Wellenschlag von Westen her.
Zusätzlich zur malerischen Lage ist die Insel auch mit einer alten Legende verknüpft: Zwei Ritter kämpften um dieselbe Prinzessin. Als sie versuchte, zu schlichten und dabei getroffen wurde, errichteten die beiden Männer aus Trauer jeweils einen Turm und lebten dort bis ans Ende ihrer Tage.
Heute erzählt die Insel Ogoz andere Geschichten: von Spaziergängen über die freigelegte Kiezunge, von Hochzeiten – und von den wenigen Wochen im Jahr, in denen sie trockenen Fußes erreicht werden kann.