Die emotionalen Narben des Zweiten Weltkriegs lasten bis heute auf vielen deutschen Familien. Die Folgegeneration trägt diese psychologische Belastung weiter, was oft zu einem nahezu zerstörerischen Druck führt.
Annegret erinnert sich an ihre Kindheit voller schrecklicher Kriegserzählungen ihres Vaters, der als Frontsoldat traumatische Erlebnisse hatte. Während Bombardierungen war die Familie mehrfach evakuiert worden und überlebte in Stollen und Scheunen. Zwei Schulfreunde ihres Vaters kamen bei einem Luftangriff ums Leben. Annegrets Mutter hielt das Thema Krieg zu Hause unter Verschluss, wahrscheinlich aus Angst vor den Belastungen, die ihre Erzählungen mit sich brachten: “Mein Vater war überfordert, und ich war quasi sein Gefäß für diese Geschichten”, sagt Annegret.
Annegrets Eltern wurden in den 1930er Jahren geboren und waren als Kinder während des Krieges stark traumatisiert. Ihr Vater teilte seine Erlebnisse mit Annegret, während ihre Mutter zeitlebens depressive Phasen durchmachte. Um die Familie nicht zusätzlich zu belasten, versuchte Annegret, sich anpassungsfähig und unterstützend zu zeigen.
In der Psychologie nennt man diesen Rollentausch zwischen Kindern und Eltern “Parentifizierung”. Dabei übernehmen Kinder Verantwortlichkeiten für die Familie, oft auf Kosten ihrer eigenen Entwicklung. Dies geschieht vor allem, wenn Eltern an ihre Grenzen stoßen – sei es durch Scheidung, Krankheit oder Trauma. Besonders betroffen waren Menschen, die während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchsen.
Andreas Maercker, Psychologieprofessor und Traumaforscher von der Universität Zürich, erklärt: “Wenn Kinder ihre depressiven oder traumatisierten Eltern sehen, ist es natürlich, dass sie versuchen, diese zu trösten.” Auch Annegret musste schon als Kind ihre Eltern emotional unterstützen. Diese Dynamik setzte sich auch nach dem Krieg fort und wirkte über Generationen hinweg.
Psychologin Judyta Borchet von der Universität Danzig betont in einem Forschungsbericht, dass solche familialen Muster oft weitergegeben werden. Kinder lernen früh, andere zu priorisieren und sich selbst vernachlässigen. Dies kann im Erwachsenenalter zu psychischen Problemen führen.
Einige können aus dieser Dynamik herausfinden, zum Beispiel durch Psychotherapie. Doch viele erleben die Parentifizierung wieder aktuell, wenn ihre eigenen Eltern pflegebedürftig werden. Ein Beispiel ist Frances, Jahrgang 1964, deren Mutter unter Depressionen und Ängsten litt. Als Kind übernahm sie viele Verantwortlichkeiten, fühlte sich aber als Erwachsene überfordert.
Heute ist Frances’ Mutter im Seniorenheim und zeigt Wahnvorstellungen, was die Pflege erschwert. Frances kämpft mit dem Gedanken, das Land zu verlassen, um der Verantwortung zu entfliehen. Sie hat in Psychotherapie gelernt, sich selbst zu lieben und abzugrenzen.
Annegret erlebte ein ähnliches Schicksal: Als ihre Eltern an Demenz erkrankten, musste sie wieder in ihre Kindheitsrolle schlüpfen. Erst nach deren Tod begann sie eine zweite Therapie. Die Spuren des Krieges sind tief und wirken bis ins Heute.