Die europäische Diplomatie ist ein riskanter Spagat, bei dem jeder Fehler gravierende Folgen haben könnte. Die diplomatischen Bemühungen der vergangenen Tage verdeutlichen dies eindrucksvoll.
Während die Kritik an den US-amerikanischen Kriegszielen im Iran unter europäischen Staatsführern wächst, bleibt die Zurückhaltung gegenüber Donald Trump präsent. Der französische Präsident Emmanuel Macron nannte die amerikanischen Ziele als «unrealistisch», während Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den Krieg wegen seiner Völkerrechtswidrigkeit als «gefährlich» bezeichnete.
Dennoch bemühen sich europäische Regierungen, Trump nicht zu provozieren. Auf Initiative Grossbritanniens berieten am Donnerstag mehr als vierzig Staaten, darunter Frankreich und Italien, über die Sicherung der Schifffahrt im Hormus-Golf. Die britische Aussenministerin Yvette Cooper betonte bei der Videokonferenz «die internationale Entschlossenheit», was auch an Trump gerichtet war.
Anlass für das Krisentreffen sind Aussagen von US-Präsident Donald Trump, wonach die Sicherung des Hormus-Golfs eine Aufgabe anderer Nationen sei. Generell sieht er europäische Nato-Bündnispartner in der Pflicht, den USA im Nahen Osten zu helfen.
In vielen europäischen Regierungen hat sich jedoch das Verständnis durchgesetzt, dass ein Engagement im Iran-Krieg mehr Risiken als Chancen birgt. Der Krieg ist quer durch die politische Landschaft Europas unpopulär und hat bereits innenpolitisch für Distanz zu den USA gesorgt. Niemand möchte Wahlen durch einen Konflikt verlieren, der mehr Probleme schafft als löst.
Der Iran-Konflikt fällt zudem nicht in die Zuständigkeit der Nato, da das Bündnis nur bei Angriffen auf das Territorium seiner Mitglieder in Nordamerika, Europa und Asien zur militärischen Unterstützung verpflichtet ist. Militärische Eingriffe im Persischen Golf sind nicht vorgesehen.
Zugleich wächst die Sorge um die ohnehin fragile transatlantische Beziehung, bedroht durch Streitigkeiten über den Iran-Konflikt. Trumps Drohung mit dem Austritt aus der Nato verstärkt diese Befürchtungen, da viele Mitgliedstaaten ohne US-Unterstützung einem russischen Angriff nicht gewachsen wären.
Viele europäische Staaten sind in ihrer Verteidigungsfähigkeit eingeschränkt – sei es durch Mangel an Ausbildung, Personal, Technik oder Logistik. Europas Balanceakt im Iran-Konflikt ist riskant: Zu viel Unterstützung für die USA könnte innenpolitisch problematisch werden, während zu große Distanz das Ende der Nato bedeuten könnte.
Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent bei SRF. Zuvor war er in Brüssel tätig und arbeitete als Wirtschaftsreporter für «10vor10». Er studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.