Trotz des Fehlens eigener Kolonien war die Schweiz in koloniale Strukturen und den transatlantischen Sklavenhandel involviert. Diese Erkenntnis ergibt sich aus verschiedenen Forschungsprojekten, die diese Verstrickungen untersuchen, wie der Historiker Christof Dejung erläutert.
Als Professor für Neueste allgemeine Geschichte an der Universität Bern beschäftigt sich Dejung mit der europäischen und globalen Geschichte sowie dem Imperialismus. In einem Interview mit SRF News sprach er über den aktuellen Stand der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Schweiz.
Bis vor etwa zwei Jahrzehnten wurde dieses Thema als irrelevant angesehen, da die Schweiz keine Kolonien besaß. Dies hat sich jedoch geändert, wie Dejung betonte: “Es gibt mittlerweile zahlreiche universitäre Projekte und regionale Aufarbeitungsinitiativen, etwa in Baselland, die sich diesem Thema widmen.” Er führte weiter aus, dass sich die Schweizer Beteiligung am Sklavenhandel schwer auf einen Nenner bringen lässt. Bekannt sind viele Einzelfälle von Kaufleuten und Plantagenbesitzern mit Verbindungen zur Sklaverei.
Das Geschäft war riskant, insbesondere für schweizerische Unternehmer in der Karibik oder Lateinamerika. Sie arbeiteten mit Plantagensystemen, auf denen versklavte Menschen Rohstoffe wie Baumwolle und Zucker produzierten. Diese wurden nach Europa exportiert, wobei Schweizer Industriegüter nach Afrika gebracht und dort gegen Sklaven getauscht wurden – ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Außenwirtschaft seit dem 16. und 17. Jahrhundert.
Die Frage möglicher Entschädigungen oder Wiedergutmachung bleibt umstritten, so Dejung. Er zeigt sich skeptisch gegenüber ihrer Effektivität für diejenigen, die es nötig hätten. Die Sensibilisierung auf zwei Ebenen sei entscheidend: Einmal im Hinblick auf den rassistischen Diskurs, der den Sklavenhandel rechtfertigte, und zum anderen bezüglich des historisch gewachsenen Zusammenhangs von globaler Wirtschaft und Gewalt.
Dejung betont die Notwendigkeit, Strukturen zu entwickeln, um Menschenrechtsverletzungen im Welthandel zu verhindern. Ein Umdenken beim Konsum – beispielsweise der Kauf von Fair-Trade-Produkten – könnte einen Teil des Problems lösen.
Christina Scheidegger führte das Gespräch.