Israel hat kürzlich ein Gesetz zur Todesstrafe für palästinensische Terroristen erlassen, was Fragen aufwirft, ob der jüdische Universalismus bestehen kann, wenn seine moralische Grundlage in Israel gefährdet ist. Die Definition von «das Jüdische» hat sich historisch durch Erfahrungen, theologische Interpretationen und politische Umstände entwickelt, doch heute beobachten wir eine signifikante Verschiebung.
Einerseits gibt es eine wachsende Radikalisierung nationalistischer Strömungen in Israel, besonders sichtbar in der zunehmenden Gewalt extremistischer Siedler im Westjordanland. Andererseits verweigern Teile der ultraorthodoxen Gemeinschaft den Staats- und Militärdienst, beanspruchen jedoch materielle Vorteile für sich.
Diese Dynamiken beeinflussen die Wahrnehmung von «Jüdischsein», weg von ethischen Traditionen hin zu Abgrenzung und Macht. Die Entstehung der jüdischen Universalethik lässt sich in der Thora erkennen, mit einem Dualismus zwischen Partikularität und universeller moralischer Verpflichtung, besonders dem Schutz des Fremden.
Im Exil wurde diese Ethik zur tragenden Struktur jüdischer Existenz. Mit der Staatsgründung Israels änderte sich diese Konstellation grundlegend: Eine Ethik ohne Macht entwickelte sich zu einer Ethik unter Macht, was politische, theologische und moralische Folgen hatte. Die Gewalt radikaler Siedler fungiert als Katalysator für eine normative Verschiebung, indem ethische Standards relativiert werden.
Religiös-nationalistische Bewegungen sehen das Land als metaphysisches Erbe, was ethische Begrenzungen in den Hintergrund drängt. Diese Erosion spiegelt sich auch im Inneren des Staates wider, wie die brutale Polizeigewalt gegen Demonstranten zeigt.
Der Einfluss von Kontroll- und Sicherheitslogiken auf das innere gesellschaftliche Leben stellt ein Alarmsignal dar, da es demokratische Grundlagen berührt. Gleichzeitig entzieht sich eine wachsende ultraorthodoxe Gemeinschaft politisch motiviert vom Staat, beeinflusst jedoch durch ihre Präsenz dessen Ressourcen.
Diese Konstellation führt zu einem neuen Begriff des Jüdischen, geprägt von Zugehörigkeit und Abgrenzung. Das neue Gesetz zur Todesstrafe etabliert eine Hierarchie ethnischer Rechte und untergräbt universale Gleichheit.
Für viele liberale Israelis bedeutet dies eine Entfremdung vom eigenen Staat, da sie Israel als moralisches Projekt sehen. Diese Gruppe könnte jedoch Brückenfunktion einnehmen, indem sie unterschiedliche Auffassungen des Jüdischen vermittelt.
Die Zukunft eines liberalen Israels hängt von der politischen und gesellschaftlichen Tragfähigkeit ihrer Position ab. Eine Stärkung dieser Kräfte könnte den Universalismus neu etablieren. Die Frage bleibt: Kann jüdischer Universalismus auch unter Bedingungen von Macht bestehen?
Die gegenwärtige Entwicklung zeigt, dass Macht ethische Grenzen relativieren kann, aber auch die Chance bietet, Moral bewusst zu wahren. Die Neuerfindung des Jüdischen ist eine reale Transformation mit weitreichenden Auswirkungen auf Israel und die jüdische Welt insgesamt.