Eine Gynäkologin zieht eine positive Bilanz aus der neu erstellten dreidimensionalen Darstellung des Nervennetzes in der Klitoris. Diese Technologie ermöglicht erstmals präzise Einblicke in die innere Verlaufsanordnung der Nerven dieses sensiblen Organs. Der wesentliche sensorische Nerv verläuft baumartig bis zur äußeren Spitze der Klitoris, bekannt als die «Klitoriseichel», und spielt eine entscheidende Rolle für sexuelle Empfindungen. Früher nahm man an, dass dieser Nerv zur Spitze hin schwächer würde. Ebenso zeigt sich, dass die inneren Nervenstränge angrenzende Bereiche wie den Venushügel oder die Schamlippen erreichen. Jasmine Abdulcadir, Fachärztin für Geburtshilfe und Gynäkologie am Unispital Genf, hebt hervor: «Diese Ergebnisse sind sehr interessant. Sie bestätigen unsere klinischen Beobachtungen und Vorstellungen.» Sie erwartet weitreichende Auswirkungen auf medizinische Eingriffe und Operationen. Insbesondere bei der Rekonstruktion der Klitoris nach Genitalverstümmelung, für die unterschiedliche Techniken zur Verfügung stehen, könnte diese Studie hilfreich sein. «Es ist entscheidend zu wissen, wo Nerven verlaufen, um Sensibilität möglichst zu erhalten oder wiederherzustellen», betont Abdulcadir, eine Expertin für weibliche Genitalverstümmelung sowie Vulvaerkrankungen und Sexualmedizin. In der Schweiz betrifft dies rund 24.000 Frauen – etwa jede 200. Global gesehen sind es schätzungsweise sogar jede zwanzigste Frau. Auch Operationen nach Krebserkrankungen, Geburtsverletzungen wie Vulvenrisse, Abszesse und Geschlechtsanpassungen könnten davon profitieren. Ebenso die zunehmend durchgeführten Labioplastiken, operative Veränderungen der Schamlippen. «Diese Erkenntnisse sind für alle Personen mit einer Vulva sowie medizinisches Personal von Bedeutung, um Risiken und mögliche neurologische Folgen vor Operationen besser zu kommunizieren», so Abdulcadir. Obwohl die Klitoris ein zentrales Lustorgan im weiblichen Körper ist, wird sie nach wie vor als eines der am wenigsten untersuchten Organe betrachtet. Im Gegensatz dazu wurde die Nervenanatomie des Penis bereits seit rund 30 Jahren detailliert erforscht. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Penis nicht «nur» ein Lustorgan ist, sondern auch im Hinblick auf Fortpflanzung und Urinieren untersucht wird. Zudem ist die Klitoris schwer zugänglich: Sie erstreckt sich ins Innere des Körpers und ist größer, als sie von außen erscheint. Die Vernachlässigung der weiblichen Sexualgesundheit hat jedoch nicht nur technische Gründe. Historisch gesehen wurde das Thema lange tabuisiert, was die Forschung mit mangelndem Interesse und unzureichender Finanzierung zurückwirft. «Es geht hier vor allem um sozialhistorische Faktoren», erklärt Abdulcadir. «Bislang waren die Forscher überwiegend Männer, doch nun gibt es mehr Vielfalt unter den Wissenschaftlern und somit eine breitere Themenpalette». Die Erforschung der Klitoris ist noch lange nicht abgeschlossen.