Israel führt die intensivsten Luftangriffe gegen Hizbullah seit Beginn des Konflikts durch. Während Benjamin Netanyahu und Donald Trump betonen, dass der libanesische Konflikt nicht zur Waffenruhe gehört, argumentiert Iran genau das Gegenteil. Die Waffenruhe im Libanon bröckelt schon in den ersten Stunden nach ihrer Erklärung.
Ali steht unter der Nachmittagssonne vor dem Trümmerhaufen, der einst sein Haus war. In Beirut wurde sein Wohnhaus durch einen israelischen Luftangriff zerstört. Der junge Mann mit müden Augen und schwarzem Vollbart überlebte nur zufällig: “Ich ging gerade Essen holen, als die Bombe einschlug.” Im Haus befanden sich laut seiner Aussage mindestens zwanzig Menschen, darunter sieben Kinder. Stunden nach dem Angriff bergen Rettungskräfte noch Leichen und räumen Schutt weg.
Am Mittwoch führte Israel die bisher größte koordinierte Luftangriffswelle gegen Hizbullah durch, kurz nachdem Iran und die USA eine Waffenruhe verkündet hatten. In der Operation “Ewige Dunkelheit” bombardierten israelische Streitkräfte in zehn Minuten über hundert Ziele. Laut libanesischem Zivilschutz wurden dabei mindestens 254 Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt. Israels Botschaft ist eindeutig: Der Konflikt mit Iran mag beendet sein, doch der Kampf gegen Hizbullah dauert an.
Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif hatte die Waffenruhe im Iran-Konflikt so formuliert, dass sie auch den Libanon einschließen sollte. Im Gegenzug würde Iran die Straße von Hormuz für Schiffe öffnen. Netanyahu widersprach jedoch sogleich und erklärte, der Libanon sei nicht Teil des Abkommens.
Donald Trump unterstützte Netanyahus Aussage und betonte gegenüber dem Fernsehsender PBS: “Das ist ein separates Gefecht.” Im iranischen Zehnpunkteplan für die Waffenruhe wurde jedoch festgelegt, dass der Krieg an allen Fronten, einschließlich Libanon, eingestellt werden soll. Trump hatte diese Punkte als Basis für Verhandlungen bezeichnet, doch bleibt unklar, ob sie in den Gesprächen am Mittwoch angepasst wurden.
Iran sieht die Vereinbarung anders als die USA und Israel. Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete, dass Tanker immer noch daran gehindert würden, durch die Straße von Hormuz zu fahren, da Israel die Waffenruhe verletzt habe. Michael Young vom Carnegie Center für den Nahen Osten bemerkte das Dilemma Irans: Wenn Iran der Feuerpause folgt, könnte Hizbullah argumentieren, dass Iran sie nur genutzt habe, um Druck auszuüben. Ein Rückzug würde Israels Interessen entsprechen.
Gegenwärtig scheint Teheran jedoch eine harte Linie zu verfolgen. Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf nannte einen Waffenstillstand oder Verhandlungen “unzumutbar”, solange die Angriffe in Libanon andauern. Präsident Masud Pezeshkian betonte gegenüber dem pakistanischen Premierminister, dass ein Waffenstillstand in Libanon für Iran essenziell sei.
Auch Aussenminister Abbas Araghchi blieb unnachgiebig: Die USA müssten sich entscheiden – entweder einen Waffenstillstand oder den Krieg gegen Israel fortsetzen. “Beides geht nicht”, schrieb er, während die Welt die Massaker in Libanon beobachtet.
Ob Iran wieder Raketenangriffe auf Israel und den Golf für Hizbullah starten wird, bleibt ungewiss. Die Verhandlungen zwischen iranischen und amerikanischen Vertretern sollen am Samstag beginnen. Iran geht mit hohen Forderungen in die Gespräche, darunter der vollständige Abzug amerikanischer Truppen aus dem Nahen Osten.
Teheran nutzt Hizbullah als Druckmittel an Israels Grenze und plant möglicherweise dessen Einbeziehung in ein umfassendes Waffenstillstandsabkommen, um sich als Sieger präsentieren zu können. Der Hizbullah ruft seine Anhänger zur Geduld auf und verspricht die Rückkehr der vertriebenen Schiiten nach Südlibanon. Doch Israel setzt seinen Luftkrieg fort, mit weiteren Bombenangriffen am Mittwochabend auf den Süden des Libanons.