Unser Gehirn bleibt oftmals bei seinen Erwartungen, selbst wenn diese der körperlichen Wirklichkeit widersprechen. Die Kolumne «Psychologie des Alltags» beleuchtet dieses Phänomen.
Phantomschmerzen sind ein Rätsel: Wie können Menschen nach einer Amputation das Gefühl eines nicht mehr vorhandenen Beines haben? Eine verbreitete Erklärung ist, dass sich das Gehirn an eine veraltete interne Landkarte klammert und diese nicht aktualisiert. Die Annahme des Vorhandenseins überwiegt die Realität seines Fehlens.
Genauso gibt es umgekehrte Szenarien: Funktionelle Bewegungsstörungen zeigen, dass das Bein neurologisch intakt ist, aber das Gehirn glaubt fälschlicherweise, die Bewegung sei nicht möglich. Diese Erwartung dominiert so stark, dass die tatsächlichen körperlichen Signale ignoriert werden.
Es mag widersprüchlich erscheinen: Menschen sind formal gesund und dennoch auf einen Rollstuhl angewiesen? Früher wurde dieses Phänomen als «Hysterie» bezeichnet – ein Begriff, der implizierte, dass unbewusste Konflikte sich im Körper manifestieren. Freud’s Patientin Anna O. war ein bekanntes Beispiel dafür; ihre Symptome wurden als Ausdruck innerer Not verstanden.
Bis 2026 wurde angenommen, dass funktionelle Bewegungsstörungen eine psychische Erkrankung sind, die sich körperlich äußert. Doch eine neue deutschsprachige Leitlinie widerlegt dies: Diese Störungen haben eine messbare Pathophysiologie und lassen sich im Hirnscanner von bewussten Simulationen unterscheiden. Überraschenderweise zeigen 39 Prozent der Betroffenen keine psychischen Auffälligkeiten.
Das alte ICD-10-Kriterium, das einen Trauma-Zusammenhang forderte, ist hinfällig geworden. Die Behandlung hat sich ebenfalls geändert: Anstelle reiner Psychotherapie steht nun aktives motorisches Training im Vordergrund, bei dem die Betroffenen lernen, dass Aufmerksamkeitslenkung ihre Bewegungen beeinflusst. Einige können dadurch Joggen besser als Gehen oder Rückwärtslaufen besser als Vorwärtslaufen. Solche Erkenntnisse stoßen auf Skepsis.
Ähnlich wie bei Phantom-Schmerzen, wo der Schmerz trotz fehlenden Beines anerkannt wird, zeigt sich hier ein verwandter Mechanismus mit umgekehrter Richtung. Die Schnittstelle zwischen Neurologie, Psychologie und Körpermedizin birgt noch viele Entdeckungen. Unser Gehirn kann den Körper durch Vorhersagen steuern – positiv wie negativ. Die Frage, wie falsche Vorhersagen korrigiert werden können, bleibt eine der drängendsten Herausforderungen dieser Disziplinen.
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin. Sie fühlt sich in Finnland am wohlsten – ohne Kaffee wäre sie nicht sie selbst.