Als Gentleman alter Prägung und stets arbeitswilliger Künstler hat sich der Schauspieler Mario Adorf einen Namen gemacht. Er war in zahlreichen Genres zu sehen, von Spaghetti-Western bis hin zum Studiofilm. Mit 95 Jahren ist er nun verstorben.
Das Zitat «Schauen Sie mal böse!» markierte den Beginn seiner Karriere. Hollywood-Regisseur Robert Siodmak bat ihn zum Vorsprechen für den Krimi «Nachts, wenn der Teufel kam», in dem es um den mutmaßlichen Frauenmörder Bruno Lüdke ging. Adorf, damals Mitte Zwanzig und stattlich gebaut, hatte auf der Bühne der Münchner Kammerspiele Eindruck hinterlassen.
Trotz mehrfacher Versuche gelang es ihm nicht, die geforderte bösartige Miene zu zeigen. Dennoch erhielt Adorf die Rolle – möglicherweise wegen seiner überzeugenden Präsenz und der Aura einer Mischung aus eruptiver Kraft und kindlicher Naivität. Bald wurde er als irrsinniger Verbrecher in «Nachts, wenn der Teufel kam» bekannt (1957), was seinen Aufstieg zum Star einleitete.
Adorf selbst beschrieb seine abenteuerliche Herkunft: Geboren 1930 in Zürich als Sohn eines sizilianischen Chirurgen und einer elsässischen Röntgenassistentin, durchlitt er harte Kinderjahre bei seiner alleinerziehenden Mutter in der Eifel. Erzählungen von seinem Vorsprechen an der Otto-Falkenberg-Schule, als er über die Bühne stürzte und den Zuschauerraum erreichte, machten ihn legendär.
Zu einem Entertainer mit tiefem Bariton entwickelte sich Adorf erst später. Anfangs verkörperte er auf der Leinwand meist Fieslinge und Bösewichte. Mit dem Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsdarsteller zog es ihn nach Italien, wo er in den 1960er Jahren Filme mit Mafia- und Spaghetti-Western-Elementen drehte, neben Stars wie Nino Manfredi und Sophia Loren.
Adorf meinte einmal: «Das Böse, das wir gerne aus der Welt lügen», sei nicht nur außerhalb von uns; es stecke auch in jedem. Seine Filmrollen entwickelten sich vom hirnlosen Sadisten zum gewieften Unternehmertypus, wie er ihn unter anderem bei Helmut Dietl darstellte.
Unter Dieter Wedels Regie überzeugte Adorf als Kaufhaus-König und Immobilienhai. Privat galt er als Gentleman vom alten Schlag – ein fleißiger Arbeiter bis ins hohe Alter. Mit weit über zweihundert Rollen in Film, Fernsehen und Theater zeigte er große Gesten und zarte Andeutungen; sein sanftes Lächeln war unvergesslich.
Seine Einflussnahme auf die von ihm mitgestalteten Produktionen wurde unterschiedlich bewertet. Volker Schlöndorff nannte ihn einen «alten Fuchs», während Rainer Werner Fassbinder ihn als «Diva» verspottete. Letztendlich wollten sie alle wieder mit ihm arbeiten.
Schlöndorff besetzte Adorf zweimal: 1975 in «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» und später in «Die Blechtrommel». Seine Wandelbarkeit schätzten die Regisseure besonders. Adorf selbst sprach über seinen schauspielerischen Ansatz ohne Ego, ausgebildet bei Brecht und unter renommierten Regisseuren wie Fritz Kortner.
Sein umfangreiches Repertoire reichte vom ersten «Winnetou»-Film bis zu seinem letzten Auftritt als Karl Marx 2019. Adorf suchte aktiv das Glück, arbeitete in Paris, Saint-Tropez und Mexiko mit renommierten Regisseuren wie Claude Chabrol und Billy Wilder zusammen. Am Mittwoch verstarb er nach kurzer Krankheit in seiner Pariser Wohnung im Alter von 95 Jahren.