Ich entdeckte Friedas Namen erst mit fast 30 Jahren auf den Listen der Menschenrechtsorganisation Memorial, die nun als “extremistisch” in Russland eingestuft wurde. Diese Organisation, bekannt für ihre Arbeit im Erinnern an die Verbrechen der Stalinzeit, kann ihre Tätigkeit im Land nicht mehr ausüben. Frieda war eine Frau von harter Art, unerbittlich zu sich selbst und anderen. Ihre ruppige Natur, die in Russland oft als “ohne Zeremonie” bezeichnet wird, zeigte sich durch Schläge oder Geschrei. Russisch sprach sie ihr Leben lang schlecht, obwohl sie Staatsbürgerin der Sowjetunion war. Liebe war für sie ein Luxus, den nur Katzen sich erlauben könnten – für Menschen galt es zu überleben und stark zu bleiben. Im Schatten ihrer rauen Außenseite lebte Frieda in Einsamkeit. Erst nach ihrem Tod wurde ihre Verfolgung durch den Staat anerkannt. Mit 16 Jahren gebar sie Alfred, dessen Vater nie erwähnt wurde. Friedas Leben war von Ungerechtigkeiten geprägt: Ihre deutsche Herkunft führte während des Zweiten Weltkriegs zu ihrer Deportation aus der Sowjetunion nach Polen und später zurück in die Sowjetunion, wo sie viele Jahre unter harten Bedingungen arbeiten musste. Frieda schwieg über ihre Erlebnisse bis ins hohe Alter. Die Familie zog schließlich an den Ural und erlebte dort Armut und Gewalt. 1992 wanderte Frieda nach Deutschland aus, ohne Alfred oder ihren Ehemann Richard, der kurz zuvor verstarb. Auch in Deutschland blieben ihre rauen Züge bestehen. Krankheit führte zu ihrem Tod, als ich 17 war. Durch Memorial wurde mir bewusst, dass die Geschichte meiner Familie Teil des stalinistischen Terrors ist. Die Organisation erinnert an das Leid und die Ungerechtigkeiten der Sowjetunion, eine Erinnerung, die im heutigen Russland oft verschwiegen wird. Ich wünsche mir, dass dieser Staat menschlicher wird und sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Inna Hartwich lebte viele Jahre als Journalistin in Moskau, bevor sie 2025 in die Schweiz zog. Dieser Text wurde erstmals 2021 veröffentlicht und wegen der Einstufung Memorials als “extremistisch” im April 2026 erneut publiziert.